Es ist sechs Uhr morgens am anderen Ende der Welt. Doch Veronique Vial strahlt übers ganze Gesicht, als ich sie zum Skype-Interview in Australien anrufe. Dort hält sich die 58-Jährige gerade auf – beruflich natürlich. Veronique ist eine der gefragtesten Fotografinnen unserer Zeit, eine Weltenbummlerin, die bereits so gut wie jedes Land der Erde bereist hat. Niedergelassen hat sie sich schließlich in Los Angeles – „wegen des perfekten Lichts“, wie sie mir erzählt. Trotzdem ist die gebürtige Französin kaum zuhause anzutreffen. Seit rund 40 Jahren reist sie durch die Lande, wie ihr großes Vorbild Jean Pierre Cannelle. Nach einer Begegnung mit dem Kriegsreporter entdeckte sie die Fotografie für sich – und schmiss das Mathe-Studium. „Ich hatte mich aus rein pragmatischen Gründen für dieses Fach entschieden, um Ingenieurin oder ähnliches zu werden. Ich war immer gut in Mathe. Dann traf ich Jean Pierre und wusste: Genau das will ich machen!“

Also wechselte Veronique an die Schule für Fotografie, ein Naturtalent war sie allerdings nicht: „Ich war wirklich schlecht. Ich hatte einfach nicht dieses spezielle Auge“, lacht die 58-Jährige. Aber sie hörte nicht mehr auf zu knipsen, versuchte sich an verschiedenen Motiven – bis sie ihre Leidenschaft für Menschen entdeckte. „Ich will ihre Seele einfangen, das was sie ausmacht, was sie fühlen, denken. Das versuche ich abzubilden“, erklärt Vial. So wählt sie stets ganz spezielle Momente für ihre Bilder, lichtet vor allem Stars so ab, wie man sie nie zuvor gesehen hat. Ihre beiden Bild-Bände „Women Before 10 a.m.“ und „Men Before 10 a.m.“ zeigen einfühlsame Porträts von einigen der bedeutendsten Persönlichkeiten aus Mode, Film und Musik wie Angelina Jolie, Reese Witherspoon, Naomi Campbell, Jackie Chan oder Karl Lagerfeld kurz nach dem Aufwachen, am Frühstückstisch oder in der Dusche.

Bekannt ist Veronique vor allem auch durch ihre enge Zusammenarbeit mit dem berühmten „Cirque du Soleil“, den sie bereits seit 28 Jahren begleitet und der für sie „wie eine Familie“ ist. Sie wirft regelmäßig einen Blick hinter den Vorhang, zeichnet ein ganz eigenes Bild der Artisten. „Cirque du Soleil ist weit mehr als eine Show. Es ist das Leben der Künstler, das sie in den Mantel der Manege hüllen. Sie sind so pur, wie Kinder, das fasziniert mich so an ihnen“, schwärmt die Fotografin. „Ich begleite Le Cirque jetzt schon fast seit seinen Anfängen vor 30 Jahren. Und jede Aufführung, die ich bisher gesehen habe, war anders, weil die Artisten sie selbst sind und ihre eigenen Emotionen einbringen. Sie sind weit mehr als Performer, das will ich in meinen Bildern zeigen.“

Über 6000 Aufnahmen ihrer „Zirkus-Familie“ hat Vial bisher geschossen. Eine Auswahl davon erschien jetzt in einer Sonderedition zum 30. Jubiläum des „Cirque du Soleil“. Und ihr Werk ist längst nicht beendet. „Lasst mich den Auslöser drücken, bis ich sterbe, das ist alles, was ich will“, lacht sie abschließend im Interview. Und keine anderen Worte könnten die 58-Jährige besser widerspiegeln. Denn wie die Artisten vor ihrer Kamera, liebt und lebt auch Veronique Vial ihre ganz eigene Kunst, die Fotografie.

photo credit: © Backstage Cirque Du Soleil by Veronique Vial – Preface by Guy Laliberte, image distribution by CPi-syndication – Published by Assouline

Leave A Comment

Your email address will not be published.