Ist diese Beziehung das schönste Drehbuch Ihrer Karriere?

Kirk Douglas: Zum Glück kann man unsere Ehe nicht wirklich mit einem Hollywoodfilm vergleichen, denn diese Partnerschaft ist sehr real und nicht nur Fassade. Allerdings beinhaltet das Leben an der Seite meiner Frau während des letzten halben Jahrhunderts alle Merkmale für ein spannendes Drehbuch. Da war alles dabei: Liebe, Leidenschaft, Drama.

Anne Douglas: Wir haben in den letzten Jahrzehnten oft erfahren müssen, dass die Liebe jeden Tag neu auf dem Prüfstand steht. Doch was man in einem Moment noch als unangenehm empfindet, entpuppt sich später als weiteres Bindeglied der Beziehung. Liebe muss wachsen und gedeihen dürfen. Und wie ein guter Wein muss sich auch die Liebe ständig den Anforderungen der Zeit stellen.

Mit was treiben Sie sich auch nach so vielen Jahrzehnten Ehe noch gegenseitig zum Wahnsinn?

Kirk Douglas: Die Frage ist nicht, mit was einen der Partner zum Wahnsinn treibt. Da gibt es wohl in jeder Ehe ganz alltägliche Dinge, die einen mal aus der Fassung bringen. Die Frage ist vielmehr, wie man damit umgeht. Toleranz ist das wichtigste Bindeglied einer Ehe. Wir haben uns immer als zwei eigenständige Individuen respektiert, als zwei selbständig denkende Menschen, die durchaus auch ihren Sturkopf haben. Natürlich bleibt es somit nicht aus, dass es auch mal gewaltig kracht. Und glauben Sie mir, in den letzten 60 Jahren hatten wir uns einige Male gewaltig in den Haaren. Aber wir haben jedes Problem letztlich bewältigt, nur deshalb können wir jetzt bald goldene Hochzeit feiern.

Anne Douglas: Jeder Mensch hat seine Macken, aber wenn es die nicht gäbe, würde man sie vermissen. Kirk ist zum Beispiel ein ganz schlechter Lügner, ich weiss genau, wann er schwindelt. Aber sehen Sie, eine Beziehung funktioniert letztlich nur, wenn jeder der beiden Partner ein Individium im Leben bleiben darf. Zwar sind auch Kompromisse von Nöten, aber unterm Strich ist eine gute Beziehung nur dann gewährleistet, wenn sich die Partner mit ihren Gegensätzlichkeiten ergänzen und nicht versuchen, sich gegenseitig einzuschränken. Das erzeugt doch nur Frust und Streit.

Herr Douglas, in Ihrem Buch „My Stroke of Luck“ beschrieben Sie offen, welche Tragödien Ihre Familie durchlebt hat. War Ihr Schlaganfall und die Folgen daraus der bislang schwerste Prüftstein für Ihre Ehe?

Kirk Douglas: Der Schlaganfall war sicher ein schwerer Prüfstein, aber er war letztlich nur einer von vielen. Für mich war die Krebsoperation meiner Frau viel schlimmer. Ich musste damals die Entscheidung treffen, ob ihre Brust amputiert werden sollte oder nicht, während sie noch im Koma lag. Der Arzt sagte mir, dass nur eine Amputation ihr Leben retten würde. Da habe ich zugestimmt. Es war einer der schwersten Momente meines Lebens. Wir haben zusammen einige dicke Schicksale durchlebt, aber die haben unsere Liebe nur stärker gemacht. Wir leben und lieben heute intensiver als jemals zuvor.

Anne Douglas: Das klingt wahrscheinlich etwas kitschig, aber wir haben uns tatsächlich mehrfach gegenseitig das Leben gerettet in kritischen Situationen, weil wir instinktiv aus Liebe die richtigen Entscheidungen getroffen haben.

Kirk Douglas: Sehen Sie, ich bin dem Tod schon einige Male von der Schippe gesprungen. Als Kind wäre ich fast mal ertrunken, während der Dreharbeiten zu einem Western hätte sich beinahe ein Pfeil durch meinen Schädel gebohrt und ich habe 1991 einen Helikopterabsturz überlebt. Aber sicher, ich will die Folgen des Schlaganfalls vor allem für meine Frau und meine Familie gar nicht herunter spielen. Ich war fast am Ende, wollte mir sogar das Leben nehmen. Aber dann habe ich mich an meinen alten Freund Burt Lancaster erinnert, der nach seinem Schlaganfall vier Jahre lang als schweigendes Individium dahin gesiecht ist. Nicht ich, dachte ich, so wollte ich auf keinen Fall enden. Und ich dachte an andere Kollegen wie den an einen Rollstuhl gefesselten Christopher Reeve, wie mutig er sich seinem Schicksal gestellt hat.Oder denken Sie nur an Stephen Hawking, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt und als Sprechhilfe einen Computer benutzen muss. Er hält dennoch Ansprachen in Universitäten auf der ganzen Welt. Ich bewundere solche Menschen. Also habe ich beschlossen, mich mit Hilfe der Liebe meiner Familie, viel Humor und Willenskraft aus der Depression herauszustrampeln und neuen Lebensmut zu finden. Nur so konnte ich all die schönen Dinge noch geniessen, die mein Leben in den letzten Jahren so lebenswert gemacht haben. Mein Sohn Michael und unsere sagenhafte Schwiegertochter Catherine haben uns wunderbare  Enkel beschehrt, Dylan und Carys. Dylan hat übrigens auch ein Grübchen am Kinn, er wird die markanteste Familientradition weiterführen. Allein für diese beiden Wonneproppen hat sich der Überlebenskampf gelohnt.

Ihr Sprechfluss ist mittlerweile sehr gut, sind Sie wieder restlos hergestellt?

Kirk Douglas: Ich fühle mich sehr gut, auch wenn es mit dem Sprechen noch ein wenig hapert. Ich musste nach dem Schlaganfall ja erst wieder komplett lernen, wie man spricht. Das war nicht immer leicht. Wenn ich im Restaurant Spaghetti bestellt habe, kam immer nur „Paghetti“ über meine Lippen. Mittlerweile ist sogar mein Deutsch wieder ganz brauchbar, das habe ich von Anne gelernt, sie stammt ja aus Hannover. Auch wenn es meiner Frau nicht immer behagt, aber ich singe sogar schon wieder deutsche Volkslieder. (Douglas dreht sich zu seiner Frau und beginnt leicht unorthodox zu singen) Du, du bist in meinem Herzen, du, du bist in meinem Sinn . . .

Anne Douglas: . . . (lächelt und legt ihre Hand tätschelnd auf sein Knie) ist gut, Darling, ich weiss, aber lass uns nicht die Gäste vergraulen.

Haben Sie jemals etwas bereut, das Sie nachträglich gerne korrigieren würden?

Kirk Douglas: Sicher, ich war nicht immer der beste Ehemann oder Vater, der ich hätte sein können und habe meine Fehler gemacht. Aber was macht es für einen Sinn, heute verpassten Möglichkeiten nachzutrauern. Ich habe kürzlich zu meinem Sohn Michael gesagt: Du bist ein besserer Vater als ich einer war. Und das meine ich ernst. Aber ich bin dennoch stolz auf alle meine Jungs, denn jeder ist auf seine Art eine Persönlichkeit geworden. Und was meine Frau betrifft: Trotz aller Hürden, die es zu meistern gab, würde ich mir dieses Weib jederzeit wieder schnappen. Ich werde Anne sogar demnächst erneut einen Heiratsantrag machen, und wenn sie ja sagt, werde ich sie nochmal heiraten. Mit einer tollen Party, die sogar die von Michael und Catherine übertreffen wird. Das hätte sie verdient, denn unsere eigentliche Hochzeit damals am 29. Mai 1954 in Las Vegas was alles andere als romantisch.

Anne Douglas: Das stimmt. Es war ein Samstag, Kirk war tagsüber bei den Dreharbeiten zu „20.000 Leagues Under The Sea“ eingespannt und kam erst gegen 17 Uhr nach Hause. Wir sind dann zum Flughafen gehetzt, um eine Maschine nach Las Vegas zu erreichen. Als wir dort um 20 Uhr ankamen, mussten wir erst noch im Rathaus die Lizenz abholen. Die reichlich unspektakuläre Trauung fand noch am gleichen Abend in einer Suite im Caesars Palace Hotel statt. Es ging alles sehr schnell, denn unser Freund Frank Sinatra wartete im Konzertsaal auf uns. Er hat eigens seine Show etwas später begonnen, damit wir dabei sein konnten.

Kirk Douglas: In der ganzen Hektik und vor lauter Aufregung hat sich Anne dann auch noch verhaspelt beim Heiratsversprechen. Der Standesbeamte, ein Typ mit einem Westernhut, daran erinnere ich mich noch genau, hat Anne mit seinem schrägen Südstaatenakzent aufgefordert, ihm nachzusprechen: „I take Kirk as my lawfull wedded husband.“ Doch statt lawfull flutschte meiner nervösen Frau glatt „awfull“ raus. Sie wusste scheinbar schon damals, dass ich ein „schrecklicher“ Ehemann sein würde.

Haben Sie wenigstens ein weisses Kleid getragen?

Anne Douglas: Nein, es war blau, mit einem passenden Mantel dazu.

Kirk Douglas: Das weiss ich gar nicht mehr, ich hab dich nur noch ganz ohne Klamotten in Erinnerung aus dieser Nacht.

Was war das romantischte, das sich Kirk für Sie einfallen liess während Ihrer Ehe?

Kirk Douglas: Da bin ich jetzt aber selbst ganz gespannt.

Anne Douglas: Es war mein Geburtstag, irgendwann Anfang der 60er Jahre. Ich war in Palm Springs, um dort gemeinsam mit ein paar Freunden wie Frank Sinatra und anderen zu feiern. Kirk konnte nicht dabei sein, weil er in Los Angeles wieder mal an einem Film arbeitete. Um Mitternacht rollte jemand eine riesige Torte aus Pappmache‘ in den Raum, sie passte kaum durch die Tür. Kirk hatte sie heimlich vom Filmset nach Palm Springs bringen lassen. Das Licht ging aus und nur ein paar Kerzen erhellten den Raum. Ich wusste nicht so recht, was nun passieren sollte. Jemand sagte: Schau mal, ob nicht ein Geschenk an der Torte zu finden ist. Ich ging also langsam um das monströse Gebilde herum und plötzlich flogen mir lauter Pappmacheteile um die Ohren, nachdem Kirk mit einem gewaltigen Satz aus der Torte gesprungen kam. Ich habe geweint vor Freude.

Waren Sie eigentlich sofort Feuer und Flamme füreinander, als Sie sich erstmals trafen?

Anne Douglas: Nein, nicht wirklich. Wir begegneten uns 1953 in Paris bei den Dreharbeiten zu „Ein Akt der Liebe“ zum ersten Mal, wo ich als Assistentin für den Regisseur Anatole Litvak arbeitete, und Kirk die Hauptrolle spielte. Anatole hat mich Kirk vorgestellt, er sah sehr gut aus und war eine charmante Erscheinung. Aber ich hatte mir damals geschworen, niemals etwas mit einem Filmstar aus Hollywood anzufangen, nachdem mir einige Kolleginnen von ihren negativen Erfahrungen mit diesen skrupellosen Frauenhelden berichtet hatten.

Kirk Douglas: Ich war sofort heiss auf diese bildhübsche Frau. Noch am gleichen Abend nach unserem ersten Treffen habe ich sie angerufen und zum Essen eingeladen. Ich wollte sie in ein schickes Restaurant an der Seine ausführen, aber sie hat mir glatt einen Korb gegeben.

Anne Douglas: Die Wahrheit ist: Ich war totmüde, weil ich erst am Tag zuvor aus Amerika zurück kam. Und damals waren Flüge über den Atlantik in diesen lauten Propellerflugzeugen alles andere als entspannend. Ich hatte mich so auf mein Bett und viel Schlaf gefreut an diesem Abend – und plötzlich ruft Kirk an. Nee, dachte ich mir, ich tue mir heute sicher nicht den ganzen Abend das selbstverliebte Gerede eines Hollywoodstars an.

Kirk Douglas: Anne war wirklich ein harter Brocken, sind eigentlich alle deutschstämmigen Frauen so schwer zu knacken?

Wie hat er Sie letztlich doch geknackt?

Anne Douglas: Wir trafen uns einige Wochen später zufällig auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Paris wieder. Wir setzten uns zusammen an einen Tisch und Kirk sagte: Erzähl mir mehr über dich und dein Leben. Ich war restlos irritiert, denn das erlebt man wirklich selten, dass ein männlicher Filmstar tatsächlich zuhören kann und sich für die Probleme seines Gegenüber interessiert. Das hat mein Bild von ihm komplett verändert – und ich habe mich schliesslich in Kirk verliebt.

Was haben Sie sich für den Heiratsantrag einfallen lassen, Herr Douglas?

Kirk Douglas: Ehrlich gesagt nicht viel. Ich hatte das gar nicht geplant, das was eher eine Notsituation.

Eine Notsituation?

Anne Douglas: Kirk rief mich in Cannes an, wo ich beim Filmfestival arbeitete, und lud mich nach Los Angeles ein. Ich flog also nach Kalifornien und wir hatten eine sehr schöne Zeit. Ich hatte schwer gehofft, dass er mir während meines Aufenthaltes einen Antrag machen würde, aber nichts geschah. Bis zwei Tage vor meiner Abreise. Da kam er mit ziemlich ernstem Gesicht zu mir und sagte: Ich muss dringend mit dir reden. Ich dachte: Mein Gott, jetzt wird er mir sagen, dass alles vorbei ist. Ich hatte furchtbare Angst und war sehr aufgeregt. Plötzlich fiel dieser starke Muskelmann vor mir auf die Knie und hat mir mit zitternder Stimme einen Heiratsantrag gemacht, wie er herzlicher nicht hätte sein können.

Kirk Douglas: Sehen Sie, womit endlich mal klar gestellt wäre, dass ich gar kein Macho-Typ bin. Ich war zwar ein gestandenes Mannsbild damals, aber glauben Sie mir, jeder einzelne meiner Muskeln war in diesem Moment weich wie Pudding. Ich musste wirklich allen Mut zusammen nehmen, um Anne den Antrag machen zu können. Deshalb habe ich solange gewartet, ich hatte schlichtweg die Hosen voll. Doch dann habe ich realisiert: Wenn ich sie jetzt einfach so zurück nach Frankreich gehen lasse, werde ich sie womöglich ganz verlieren.

Wer hat im Hause Douglas eigentlich die Hosen an?

Kirk Douglas: Ganz eindeutig meine Frau. Sie ist der Boss im Haus und hält die Zügel fest in der Hand. Deshalb muss ich sie ja nochmal fragen, ob sie mich erneut heiraten will. Denn sie hat auch die totale Kontrolle über das Geld. Ich bin praktisch mittellos und arm will ich keinesfalls sterben. Sehen Sie, meine Frau ist es letztlich auch, die mich nicht in Rente gehen lässt. Wegen ihr drehe ich weiterhin Filme.

Wieso das denn?

Kirk Douglas: Sie engagiert sich seit einigen Jahren intensiv für die Errichtung von Spielplätzen, weil Kinder in dieser Welt mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Ich finde das toll und habe sie leichtsinnigerweise mal gefragt, wie ich ihr denn bei ihrem Engagement helfen könnte. Wissen Sie, was sie darauf geantwortet hat? „Geh‘ arbeiten und bring Geld nach Hause, dann können wir noch viele Spielpätze bauen“, hat sie gesagt. Also habe ich meinen Agenten angerufen und nach neuen Rollen gefragt. Aber mal im Ernst: Einen Schauspieler kann man nicht ruhig stellen, niemals. Solange ich bin, werde ich arbeiten. Stillstand gibt es für mich nicht.

Alle Douglas-Nachkommen sind Ihnen ins Showbusiness gefolgt. Sind Sie glücklich mit dieser Entscheidung?

Anne Douglas: Kirk hat immer versucht, den Kindern das Showbusiness als Berufsalternative auszureden. Aber offensichtlich war er wenig erfolgreich damit.

Fragt Ihr Sohn Michael noch um Rat, wenn es um die Schauspielerei geht?

Kirk Douglas: Michael lässt sich von mir längst keine Ratschläge mehr geben. Wenn ich mal wage, etwas in Frage zu stellen, sagt er nur: Dad, ich habe mehr als 80 Filme gemacht und zwei Oscars gewonnen, ich weiss, wie man schauspielert.

Pflegen Sie noch bestimmte Familientraditionen?

Anne Douglas: Wir haben Mühe, den ganzen Clan mal zusammen zu bekommen, denn alle unsere Kinder leben mittlerweile an anderen Orten überall in der Welt verstreut. Aber vor allem an den grossen Feiertagen wie Thanksgiving oder Weihnachten versuchen wir schon, die Kinder und ihre Familien zu uns zu holen. Vor allem Catherine und Michael kommen oft vorbei, weil sie gelegentlich in Los Angeles arbeiten müssen. Kirk ist ganz vernarrt in Dylan und Carys. Wenn die drei zusammen sind, wird Kirk selbst wieder zum Kind. Die Kleinen mögen wenigstens seinen schrägen Gesang – im Gegensatz zu mir.

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