Der Prophet Moses ist eine wichtige und zentrale Figur aus dem Alten Testament. Gott beauftragte Moses damit, das israelitische Volk aus der jahrhundertelangen Versklavung durch die Ägypter zu befreien und in das gelobte Land zu führen. Hatten Sie großen Respekt davor, diese Rolle zu übernehmen?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es nie verstanden, warum Ridley Scott mich für diese Rolle haben wollte. Er hätte besser jemand anderen casten sollen. Das ist eine Parallele zwischen mir und Moses – auch er wollte nicht von Gott als Prophet auserwählt werden. Er versuchte gegen seine Bestimmung anzukämpfen.

Ridley Scott ist aber nicht Gott. Und Sie haben die Rolle freiwillig angenommen.

Und ich hatte eine angemessene Angst davor (lacht). Moses ist eine interessante Figur. Viele Menschen, und zwar Christen, Juden und Muslime gleichermaßen, haben eine starke Meinung darüber, wer oder wie Moses sein sollte. Zur Vorbereitung auf die Rolle habe ich die Tora und den Koran gelesen. Mir wurde dabei klar: Es sind doch alles nur Interpretationen. Die Texte liegen alle nicht in ihrer Originalsprache vor, sie wurden immer wieder neu übersetzt und interpretiert. So haben auch wir das Recht dazu, die Geschichte auf unsere Weise zu interpretieren. Keiner muss dem zustimmen, was wir im Film zeigen. Es ist nur ein Ansatz, ein Vorschlag.

Wie denken Sie denn über Moses und seine Geschichte?

Ich hatte seiner Geschichte davor nie wirklich Beachtung geschenkt. Nachdem ich mich aber eingelesen hatte, war ich wirklich verblüfft und überwältigt, ja fasziniert. Moses hat einen unglaublich widersprüchlichen Charakter. Er ist ein Mann der Extreme. Er ist niemals milde oder gemäßigt. Er ist sehr launenhaft, genau wie Gott. Moses ist gewalttätig und barbarisch, aber gleichzeitig auch ein Pazifist. Trotz seiner Nähe zu Gott ist er absolut menschlich, mit all seinen Fehlern, Fähigkeiten, Leidenschaften und seiner Liebe. Aber auch seinem Hass und seiner Brutalität. Wenn er jetzt hier mit am Tisch sitzen würde, ich würde mich nicht wohl fühlen.

Wenn er hier am Tisch säße, würde er wahrscheinlich auch erklären, wieso er voller Widersprüche ist.

Betrachten wir doch mal sein Leben: Er wächst als Prinz in Ägypten heran und kommt in den Genuss alldessen, was er haben möchte. Als Bruder des Kronprinzen ist er selber fast eine Gottheit. Moses erfährt dann aber, dass er ein Findelkind ist und eigentlich zum versklavten Volk gehört. Er gibt seinen hohen Status auf und verpflichtet sich höchst widerwillig dazu, Gottes Auftrag zu befolgen. Ich glaube, er war wahrscheinlich schizophren. Moses‘ Widersacher, sein Bruder und Pharao, sieht sich selber als Gott. Er will seine Sklaven natürlich nicht freigeben. So kommt es zum Kampf zwischen zwei Brüdern, die sich einst sehr nahe standen. Ich habe mich immer besonders für diesen Konflikt interessiert.

Sie sind ein Schauspieler, der sich sehr intensiv in seine Rolle hineinversetzt und diese während der Dreharbeiten weiterlebt. Musste sich Ihr Umfeld vor Ihnen als „schizophrener Moses“ also fürchten?

Anders als sonst war es mir nicht möglich, über 70 Drehtage lang in meiner Rolle zu bleiben. Denn das wäre für die Crew tödlich gewesen. Ich musste immer aus Moses herausschlüpfen, sonst wäre ich ungeduldig, intolerant und absolut unerträglich gewesen. Ich wäre am Ende auch zu erschöpft gewesen und hätte mich selbst verachtet. Ich musste einfach raus aus dieser Rolle. Geholfen hat mir dabei übrigens „Always look on the bright side of life“, das Lied aus ”Life of Brian” von Monty Python. Ich habe mir das immer angehört und es gepfiffen, um bei einer so ernsten Filmstory auch mal etwas Witziges zu haben.

Regisseur Ridley Scott hatte in einem Interview mit dem Esquire Magazine gesagt, dass Religion die größte Quelle allen Übels sei. Hat er Recht?

Ich respektiere Menschen, die religiös sind. Ich selber war auch in der Church of England und erhielt die Kommunion. Aber ich war schon immer skeptisch. Ich glaube, dass viel Gutes von Religionen kommen kann. Menschen finden hier eine Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung. Für manche ist Religion natürlich noch mehr als das und das ist wunderbar. Aber es gibt auch unbestreitbare Widersprüche. Es ist eines der abscheulichsten Dinge, die ich je in meinem Leben gehört habe, wenn Leute sagen: ”Gott hat einen Plan für dich“. Das klingt natürlich wundervoll, wenn das eigene Leben toll ist. Aber was sollen diejenigen Menschen sagen, die unter höllischen Umständen leben müssen? Wenn kleine unschuldige Kinder in unerträglicher Not sind? Ist das also Gottes Plan für sie? Mit so einem Gott möchte ich nichts zu tun haben.

Moses erhält von Gott die Zehn Gebote. Können derlei religiöse Gesetze auch heute noch ein Leitfaden für das Leben sein?

Ich denke, dass man die Religion nicht benötigt, um ein guter Mensch zu sein. Man sollte nicht nur gut und anständig leben, weil man sich dadurch ein Leben nach dem Tod als Belohnung erhofft. Moses hat übrigens nie über ein Leben nach dem Tod gesprochen, obwohl er aus Ägypten kommt, wo sie damals besessen waren vom Tod und einem Leben danach. In unserer heutigen Zeit und mit all unserer Erfahrung müssten wir aber mittlerweile klug genug sein um zu wissen, was richtig und was falsch ist. Darum brauche ich für ein gutes Leben keine Religion.

Mitarbeit: Veronika Scheidl

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