Im aufwendig abgedunkelten Konferenzraum ihrer Plattenfirma im kalifornischen Santa Monica soll ich Carly Rae Jepsen treffen. Weisse Wände, weisse Möbel und ein noch weisser wirkender Interview-Filmset bilden die Kulisse für das Interview. Jeder kennt die 29-jährige Kanadierin und ihren Song „Call Me Maybe“ – der Sommerhit vor zwei Jahren. Jetzt ist sie zurück mit einem neuen Song, wieder mit Ohrwurm-Garantie: „I Really Like You“. Und genau das strahlt Carly aus, als sie wie ein Flummi in den farblosen Interview-Set gesprungen kommt. Ihre Wangen leuchten genauso rot, wie ihre frisch gefärbten Henna-Haare und man kann Singer-Songwriter Carly und ihren lebhaften Erzählungen stundenlang zuhören. Sie spricht exklusiv mit neuH über Liebe, über ihren größten Fan Justin Bieber und wie sie ihren Vater überzeugte, dass sie Musikerin werden will.

Tolle Frisur, die roten Haare!

Oh ja, das wurde mal Zeit. Nach etlichen Wochen, die ich in Sweat Pants und Schlabber-Look im Studio für mein neues Album „Emotion“ verbrachte, habe ich dann doch mal in den Spiegel geschaut und mich selbst ermahnt: ‚Da muss was unternommen werden!‘ So wie ich den Schlabber-Look geniesse, mag ich es aber auch, mich umzustylen. Vor allem fahre ich auf den 80s Look ab.

„I really like you“ – dein neuer Song ist schon in den Radio Charts ganz weit oben! Und es geht um Liebe, oder doch nicht?

Ja, schon irgendwie. Es geht um den berühmten Anfang, wenn alles ganz neu ist. Dieser Moment bevor man sich traut ‚Ich liebe dich‘ zu sagen und stattdessen albert man ein bisschen rum und du sagst diesem Typen dann sechs Mal, dass du ihn wirklich gern hast. Und der Song ist über das ganze Drum Herum bis man „es“ dann endlich sagt. Liebe ist so herrlich kompliziert am Anfang.

Hast du dieses komplizierte Gefühl schon mal erlebt? 

Oh ja. Ich glaube sogar, dass es ein ganz aktueller Zustand für mich gerade ist. Ich bin momentan nicht verliebt, aber ich finde dieses Gefühl total schön. Ich hoffe, es passiert bald mal wieder. Der Sommer steht ja vor der Tür!

Du liebst es über das Thema Liebe zu schreiben, wo lässt du dich inspirieren?

Ich bin besessen von dem Thema Liebe! Absolut. Nicht nur, dass ich darüber Songs schreibe. Liebe und Beziehungen faszinieren mich! Und ich glaube ich gehe damit schon meinen Freunden auf die Nerven. Wir gehen zusammen aus und ich quetsche sie dann alle nacheinander aus uebe ihr Liebesleben, über ihre Dramen im Privatleben ‚und wie hast du dich danach gefühlt?‘, und ‚was hat er dann gesagt?‘ Und ich baue diese Erfahrungen, Unsicherheiten, diese Aufgeregtheit in meine Songs ein.

Und wieder hat Justin Bieber wie damals bei „Call Me Maybe“ mit Freunden wie Ariana Grande und Kendall Jenner ein Making-Off von „I Really Like you“ gedreht.

Das ist echt abgefahren. Ich dachte schon seine Cover-Version von ‚Call Me Maybe‘ war die Krönung, aber irgendwie kann er es immer noch toppen. Man kann sagen was man will über ihn, ich erlebe ihn als einen grossen Unterstützter, der sich absolut für mich und meine Musik einsetzt. Er hat sogar fürs Video ein Justin Bieber-Double irgendwoher organisiert. Und dann seine albernen Dance Moves, er nimmt sich selbst total auf die Schippe in dem Video, ich musste sehr lachen.

Und auch Fans haben wieder auf Social Media Plattformen Cover Versionen veröffentlicht.  Gibt es einen Favoriten unter den vielen Videos? 

Absolut. I war in Japan und war so schrecklich jet lagged und bin dort mit Justin Biebers Cover Video überrascht worden. Am gleichen Tag hat mir ein Freund noch einen Link geschickt von den 23 Leuten, die sich in einen Van quetschen und meinen Song “I Really Like You” singen. 23 Freunde, die sich zusammen getan haben, um meinen Song zu singen. Und auch noch so urkomisch! Alle paar Sekunden taucht ein neues Gesicht auf. Es hat einen tollen Humor und ist echt lustig, das mag ich sehr. (Hier ist das Video, Anm. neuH: https://neuh.com/video/i-really-like-you-lip-sync-23-people-in-one-van/)

Es ist immer noch unbegreiflich für mich. Man schreibt Musik und man hofft einfach nur, dass Leute deine Musik genießen und teilen und etwas fühlen. Aber wenn man dann erfährt, dass sie den extra Weg gehen und sogar eine kleine Party organisieren und ein Video drehen und ihr eigenes kleines Kunstwerk aus meiner Musik machen, das bewegt mich sehr. Manchmal kommen mir da die Glückstränen.

Wie hart war es für dich, Fuß in der Musikindustrie zu fassen?

Seit meinem siebten Lebensjahr habe ich Musik gemacht. Und mit 19 hat es mich einfach gepackt. Meine Eltern und Stiefeltern sind alle Lehrer, mein Vater sogar Schulrektor. Und man wächst auf mit diesem Sicherheitsdenken, dass man ja was Ordentliches werden soll. Ich hatte diesen Plan B: Einen Abschluss machen, Musiklehrerin werden und 3 mal die Woche in der Schule aushelfen. Aber irgendwie wusste ich, dass ich dann die Chance, meinen Traum, den Plan A, Sängerin und Songschreiberin zu werden, vernachlässigt hätte. Also musste ich meinen Vater überzeugen. Ich musste ihm die Idee von meinem Traumberuf pitchen. Wie eine Power-Point-Präsentation: „Dad, das ist mein Leben, mein Traum, meine Ziele, das will ich! Auch wenn ich nur eine Jazz-Sängerin in einer Hotel-Lounge werde!“ und ich wusste, dass dieser Zigeuner-Lebensstil mir einfach gut tut, statt eingezwängt in einer Schule zu arbeiten.

Auch noch ein Rektor! Und wie hat dein Vater reagiert?  

Ich war auf eine Riesen-Diskussion gefasst und er sagte nach einer langen Pause: ‚Hört sich akzeptabel an!‘ Und der Weg war frei für meinen grossen Traum! Ich wusste immer, ‚irgendwie schaffe ich es schon mit Musik zu überleben‘. Und ich glaube jeder Künstler braucht diese Erleuchtung, diese Entscheidung, die man mit sich selbst ausmacht. ‚Ist es das wert, auch wenn es nicht klappt!?‘ Die Antwort für mich war immer ‚Ja!‘

Und jetzt hast du sogar mit Hollywood-Star Tom Hanks gearbeitet in deinem neuen Video! 

Das war aufregend. Auch meine Familie und Freunde konnten es nicht fassen: ‚Tom Hanks? Wirklich?‘ Ich kann es auch immer noch nicht glauben. Tom Hanks ist einer dieser Menschen, die nicht wissen, dass sie Tom Hanks sind. Ihm ist das gar nicht klar, was für ein Celebrity er ist, obwohl er einer der erfolgreichsten Schauspieler in der Welt ist! Er hat von unserem Videoprojekt gehört und hat sich dann als Hauptrolle angeboten. Das war jenseits meiner wildesten Träume.

Und tanzen musste Tom Hanks auch noch! 

Oh ja, wir hatten eine Profi-Choreographin am Set und sie kam mit diesen abgedrehten Ideen für ganz besondere Tanzschritte und Tom Hanks schaute mich an und sagte dann zu ihr: „Nee. Ich glaube wir wackeln ein bisschen mit und tanzen Shimmy“. Und sie sagte nur, ‚Okay, dass sollte auch gehen.‘ Und sie ging weg und ich sagte zu Tom: ‚Super, ich kann nämlich auch nicht tanzen!‘ – Wir hatten ja auch Profi-Tänzer hinter uns, ich hoffe, wir fallen nicht so auf. Auf jeden Fall hatten wir sehr viel Spass!