45 Grad. Wüste. Sand und Sonne. Sonne und Sand. Und Käfer. Fern von jeglicher Zivilisation ragt wie aus dem Nichts eine halbkreisförmige Stadt empor. Tempel, Skulpturen und riesige Installationen in vielen bunten Farben und Lichtern gekleidet, lassen mitten in der Wüste von Nevada ein Cyperspace der Superlative entstehen. Black Rock City entwächst dem Sand und bietet eine Woche lang jeder Art von Freigeist eine Plattform zur extremen Selbstdarstellung.

Er soll brennen.

 1986 rief Larry Harvey seinen Freund Jarry James an und sagte: “Lass uns einen Mann verbrennen.” Angeblich aus Liebeskummer verbrannte er dann mit Jarry noch in der selben Nacht eine Statue aus Holz, die kaum größer war als er selbst, an einem Strand in San Francisco. Bereits damals lockte das Spektakel einige Schauslustige an. Aus einem nächtlichen Impuls entwickelte sich über die Jahre hinweg ein Ritual mit einer stetig wachsenden Gemeinschaft, bis daraus schließlich ein Festival entstand. Für den Strand von San Francisco wurde das Fest zu groß und man fasste den Entschluss, die Zivilisation hinter sich zu lassen und in die Wüste von Nevada (Black Rock Desert) zu ziehen. Allmählich begann sich eine Stadt zu formen.

Die Burning Man Community

Multi-Kulti Familien, Erlebnistouristen, Neo-Hippies, Raver, Computerfreaks, Freigeister und Rebellen können hier eine Woche lang ihre Fantasien, Visionen und Träume freizügig ausleben. Umgebaute Autos, Trucks, Fahrräder und Busse (Art-Cars) fahren durch die Stadt. Luftballons und Drachenflieger ziehen am Himmel vorbei. Nachts leuchtet eine glühende, fluoreszierende Galaxie dem Himmel entgegen.

Es werden Opern, Theaterstücke, Filme und Kunststücke jeglicher Art aufgeführt. Ein surrealer Karneval ensteht. Es geht um Freiheit, Ideen, Miteinander, Feiern, Erleben und Überleben.

Das Herzblut des Festivals sind die Themen Camps. Riesige Installationen, Zelte und Skulpturen entstehen unter verschiedenen Leitgedanken. Mehrere Teilnehmer kreieren zusammen ein Thema als Basis für ein interaktives Minteinander. Von Tanzcamps bis hin zu Familiencamps und Bondagecamps sind für das gemeinschaftliche Miteinander der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Sie sind der kulturelle und spirituelle Motor von Black Rock City.

Das Zusammenleben basiert auf Kooperation. Alles und jeder unterstützt sich gegenseitig. Es geht sowohl darum, sich als Individuum frei ausdrücken zu können, als auch diese Erfahrung, die Skulpturen, die Themen Camps visuell und emotional für alle zugänglich zu machen. Die meisten dort teilen ihr Essen, ihre Getränke, ein Gespräch oder einfach ein Lächeln mit jemandem. Egal in welcher Form oder Größe, jeder Teil der Gemeinschaft ist gleichwertig.

Nicht nur die Themen Camps konzentrieren sich auf ein Thema, auch das ganze Festival steht jedes Jahr unter einem anderen Gedanken. “Karneval der Spiegel” ist es dieses Jahr. Spiegel, Masken, Labyrinthe und Illusionen werden die diesjährigen Bilder von Burning Man bestimmen. Die Frage, die dahinter steckt, lautet: Wer sind wir, in einer von Medien übersättigten Welt, in der zwischen Produkten und Menschen, Konsum und Gemeinschaft die Illusionen lauern? Ein bizarrer und interaktiver Kunstzirkus voller Selbst-und Fremderkundung.

Black Rock City

Festivalbesucher bezeichnen die Stadt eher als Organismus, denn als Stadt. Dynamik, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität zeichnen sie aus. Die Straßen sind ihre Arterien und die Menschen die Blutkörperchen. Ihre Struktur formt sich mit der Informationsflut und den Materialien, mit der Organisation und den Bauten, bis sich schließlich alles wieder im Nichts auflöst. Man könnte sagen, die Stadt ist wie ein Phönix, der symbolisch verbrennt und jedes Jahr in der Wüste wieder aufersteht. In halbkreisförmiger Anordnung ist die Stadt perfekt durchgeplant. Sanitäreinrichtung und Erste-Hilfe Anlaufstellen sind immer gut erreichbar. Zentrum des Festivals bildet der Burning Man. Traditionsgemäß wird die überdimensionale Statue am sechsten Tag des Festivals verbrannt.

Anfänglich startete das Festival mit 35 Schaulustigen und einem etwas über zwei Meter hohen Burning Man. Heute erbauen und besuchen mehr als 65.000 Menschen Black Rock City und verbrennen eine 32 Meter hohe Holzkonstruktion mit einer Statue darauf.

Sobald das Festival vorbei ist, ist alles wie vom Erdboden verschluckt. Kein Krümel, kein einzelnes Papierfuzelchen bleibt zurück. Es gibt nicht viele Regeln, doch eine davon ist, überhaupt gar keinen Müll zurückzulassen.

Selbstversorgung

7 Tage Selbstversorgung. 7 Tage Überlebenskampf. 7 Tage extremste Hitze. 7 Tage brutale Reizüberflutung.

Bei Burning Man geht es nicht nur ums Erleben, sondern auch ums Überleben. Nichts außer Sand, Kunst und Selbsterkundung. Weit entfernt von Konsum und Kommerz muss jeder selbst mitbringen, was er oder sie zum Überleben benötigt. Kaufen kann man nur Eis und Kaffee. Sonst nichts. Lediglich eine Tauschböre spendet Hoffnung, das noch zu finden, was man im Vorbereitungsstress vielleicht vergessen hat.

Um solch extremen Bedingungen gewachsen zu sein, sollte man definitiv pro Person ungefähr 40 Liter Wasser bei sich haben, Sonnencreme, Schutz vor Sandstürmen und Staub (Maske und Brille) und ausreichend Befestigungsmittel. Die Winde können um die 50km/h stark sein.

Der Aspekt der Selbstversorgung bezieht sich tatsächlich auf alles. So hat sich über die Jahre ein technologisches Netzwerk herausgebildet. Es gibt einen Live-Stream, genauso wie ein Intranet und sogar ein Black Rock City Magazin. Die Träumer und Macher des Festivals denken wirklich an alles. Nicht nur wegen der Größe, sondern auch wegen der ausgeklügelten autonomen Selbstversorgung ist Black Rock City tatsächlich eine Stadt.

Es gibt so viel zu entdecken und zu berichten über Burning Man. Vor allem aber, gibt es viel zu sehen und zu bestaunen. Mit Herz und Seele erbauen Tausende von Menschen Jahr für Jahr Kunstwerke, die bis zum Himmel reichen und nachts in den schillerndsten Farben leuchten, um sich und ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Der Autor und Fotograf NK Guy hat in seinem Buch “Art of Burning Man” (erschienen im TASCHEN Verlag, 59,99 US$) die besten Kunstwerke aus 16 Jahren Burning Man zusammengestellt, um den ungehemmten, künstlerischen Ausdruck dieses Fests einzufangen.

Burning Man – eine Grenzerfahrung voller Kunst, Liebe und Freiheit. Eine Utopie, die sieben Tage lang lebt, um dann wieder spurlos zu verschwinden.

Leave A Comment

Your email address will not be published.