Rudolf Schenker von den Scorpions

Rudolf Schenker von den Scorpions. Photo by Oliver Rath

Es passierte vor genau 50 Jahren, in der ersten Aprilwoche 1965. Ich kam fast eine halbe Stunde zu spät zur Berufsschule, wo mich bereits ein wütender Lehrer erwartete. Mit hochrotem Kopf hielt er mir eine Standpauke zum Thema Pünktlichkeit, die sich gewaschen hatte. Ich ließ meine Ausbildung ohnehin schon eine Weile schleifen, auch meine Noten wurden immer schlechter, und so kam ihm diese Gelegenheit nur recht, mir ordentlich die Leviten zu lesen.

Da stand ich nun, mitten im Klassenzimmer. Es war eigentlich wie immer, und doch fühlte ich mich plötzlich wie ein Außenseiter. Ich beobachtete meine Mitschüler, wie sie mich gespannt anstarrten, meinen Lehrer, wie er wild gestikulierte, und ich spürte, wie in mir ein ungewohntes Gefühl der Freiheit emporstieg. Eine Freiheit, die nichts mit diesem Klassenzimmer und den Menschen gemein hatte, die sich darin befanden. Ab und zu drangen noch ein paar Wortfetzen zu mir durch, aber das war schon völlig uninteressant für mich, denn was mir 20 Minuten zuvor zum ersten Mal wirklich bewusst wurde, sollte mein Leben von Grund auf verändern.

Jeden Mittwoch musste ich von Sarstedt mit der Straßenbahn zur Berufsschule ins 20 Kilometer entfernte Hannover fahren. Morgens hin und am frühen Nachmittag wieder zurück. Es war nicht gerade das, was ich mir unter einer Riesensause vorstellte, aber wie meine Mutter so schön sagte: »So ist das halt im Leben!« Das Beste an diesem einen Tag in der Woche war der Weg von der Haltestelle zur Schule, denn dort kam ich an all den Geschäften vorbei, die mir so viel größer und spannender erschienen als die in meiner Kleinstadt.

An jenem Mittwoch war ich spät dran. Die Uhr zeigte bereits kurz vor acht und ich hätte mich eigentlich beeilen müssen, wenn ich noch pünktlich zum Gongschlag in der Schule sein wollte. Doch irgendwie schien mir in diesem Moment Zeit das Banalste der Welt zu sein. Es war ein schöner Frühlingstag und die Temperatur schon in den frühen Morgenstunden angenehm lau. Ich schlurfte gemächlich mit den vielen anderen Menschen, die zur Arbeit mussten, durch die Straßen der Stadt, nur dass ich mich noch langsamer als meine Leidensgenossen in dem Strom treiben ließ. Wie von Zauberhand geführt, blieb ich abrupt stehen. Ich war schon unzählige Male an diesem einen Schaufenster vorbeigekommen, hatte gelegentlich auch einen Blick hineingeworfen, aber nie zuvor hatte ich das wahrgenommen, was ich an jenem Tag dort zu sehen bekam.

Richtige Plattenläden, so wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Wenn man Glück hatte, fand man aber in der hintersten Ecke des örtlichen Elektronikgeschäfts eine kleine Auswahl an aktuellen Schallplatten. Diese Läden hießen in jeder Stadt gleich: Elektro-Brinkmann, HiFi-Müller oder Fernseh-Hallmann. Und vor genau so einem Laden stand ich nun. Zum ersten Mal sah ich die Plattencover in der Ecke des Schaufensters und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mein Spiegelbild blickte mich verblüfft an. Ich trug eine braune Lederjacke mit Indianerfransen und meine langen ebenfalls braunen Haare hingen mir hinten bis zu den Schultern herunter. Welcome to the wild sixties! Die Hippie-Bewegung war gerade in ihrer Entstehung und wir liefen alle so herum, um ein bisschen wie John Lennon auszusehen. Immerhin trug ich keine Jesuslatschen oder eines dieser furchtbaren Batikhemden, die gerade in Mode kamen. Es war eine interessante Zeit. Der Soundtrack zum James-Bond-Film Goldfinger belegte den ersten Platz der amerikanischen Billboard-Top-100, Malcom X war zwei Monate zuvor in New York City ermordet worden, die ersten amerikanischen Kampftruppen landeten in Vietnam und auch sonst gab es Gründe genug, um für Frieden und Liebe zu demonstrieren. Die einen steckten sich eben Blumen ins Haar, die anderen sangen Rocksongs.

Da stand ich nun und die kleinen bunten Plattencover der 7-Inch-Singles zogen mich magisch an. Ich konnte nichts dagegen tun. Ich war völlig hypnotisiert. Die aktuelle Nummer eins der Charts, „Downtown“ von Petula Clark, hing ganz oben. Daneben lagen „Viva Las Vegas“ von Elvis und „House Of The Rising Sun“ von The Animals aus. Direkt darunter standen die LPs aufgereiht: „The Rolling Stones“, das Debütalbum der Stones, „Another Side Of Bob Dylan“, sein viertes Album,“Live at the Apollo“ von James Brown und natürlich der Anführer der deutschen Album-Charts: „Beatles For Sale“ von, na klar, Ringo, George, Paul und John.

Das war schon alles ganz prima, doch dann fiel mein Blick auf ein Konzertplakat des Hamburger Starclubs, auf dem eine Band namens „The Rattles“ abgebildet war. Diese Jungs kamen aus Hamburg und waren die angesagteste deutsche Rockband der Stunde. Sie tourten mit Little Richard, den Everly Brothers und den Stones durch England, spielten im legendären Cavern Club in Liverpool und wurden im Mutterland der Rockmusik sogar als die deutschen Beatles gefeiert – das Größte, was man sich als deutscher Musiker vorstellen konnte. Ich hatte vom Musikgeschäft zwar noch nicht viel Ahnung, besser gesagt gar keine, aber der Hype um diese Band war auch mir nicht verborgen geblieben. Vor allem aber faszinierte mich, dass diese Truppe nicht aus dem entfernten England oder den USA kam, sondern ganz in meiner Nähe wohnte.

Beim Anblick des Posters durchdrang mich ein Gefühl von Leichtigkeit, wie ich es in der Form noch nie zuvor erlebt hatte. Mir war, als würden diese Jungs, die nur ein paar Jahre älter waren als ich, meinen Traum leben, und ich stellte mir vor, wie geil es wäre, meinen eigenen Namen auf diesem Poster zu lesen. Ich hatte das Bild ganz klar vor meinem geistigen Auge, wie ich auf der Bühne Gitarre spiele, wie mein Name auf dem Plattencover meiner Band steht und wie mir die Menschen auf der ganzen Welt begeistert zujubeln.

Dann geschah etwas ganz und gar Unglaubliches. Die Buchstaben auf dem Rattles-Poster fingen an sich zu bewegen und ich konnte tatsächlich, für einen kurzen Moment, meinen Namen auf dem Plakat lesen. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich war wie elektrisiert, wusste nicht, ob ich träumte oder wach war und mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Was geschah mit mir? Hatte ich eine Vision? War es ein Zeichen des Universums? Ich wusste es nicht, aber diese Sinnestäuschung, die so realistisch auf mich einwirkte, öffnete mir schlagartig die Augen: »Rudolf, das ist es! Rockmusiker – das ist dein Weg!«

Return-to-Forever-Scorpions-web

Das aktuelle Album der Scorpions „Return to Forever“

Für mich war dieser Augenblick ein absolutes Schlüsselerlebnis. Später habe ich mich oft gewundert, wie blind die meisten Menschen durch ihr Leben gehen. Das Glück liegt so nahe vor ihren Augen und doch sehen sie es nicht. Dabei müssten sie nur ihre Arme ausstrecken und zugreifen. Wenn du aber erst einmal die richtige Richtung eingeschlagen hast, dann wird sich die Welt um dich herum neu ordnen, ohne dass du selbst übermäßig viel dazu beitragen musst. Du bekommst einen automatischen Kraftschub und es passieren Dinge, die du dir niemals hättest vorstellen können. Alles, was du tun musst, ist, deine Umwelt mit jeder Pore deines Körpers und zu jeder Tages- und Nachtzeit vollkommen wahrzunehmen. Die Gitarre, das Moped, die Worte meiner Mutter, das Schaufenster, die Gesichter meiner Arbeitskollegen, meine Träume – all diese unterschiedlichen Komponenten fügten sich in meinem Kopf plötzlich zusammen – und am Ende war aus einzelnen Puzzleteilchen ein klares Bild entstanden.

Wenn du mit offenen Ohren und Augen durch den Tag gehst und versuchst, die vielen kleinen Nuancen zu erkennen, die auf deinen nächsten Schritt hinweisen, wirst auch du den richtigen Weg für dich finden. Es ist wie bei einer Schnitzeljagd. Achte auf die gezeichneten Kreidepfeile auf der Straße! Das Universum sendet dir permanent Signale, du musst deine Antenne nur auf Empfang schalten. Du fährst gut damit, dich dabei auf dein Bauchgefühl zu verlassen, das ist nämlich dein wahres Inneres. Dein Kopf kann dich verwirren, dein Bauch will nur dein Bestes. Wenn dein Herz dir sein Okay gibt, ist deine Handlung unwillkürlich aus den richtigen Motiven heraus getroffen und kann somit nur richtig sein. Wie gesagt, das Gold liegt direkt vor deinen Füßen. Alles, was du tun musst, ist, es aufzuheben und keine Angst vor der Verantwortung zu haben, die der neue Reichtum mit sich bringt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder, also auch du, etwas ganz Besonderes aus seinem Leben machen kann. Das soll nicht bedeuten, dass du gleich etwas leisten musst, über das in der Zeitung berichtet wird. Denn mal ehrlich, was wir dort zu lesen bekommen, ist doch sowieso nur dummes Zeug. Nichts als Schein, der uns davon abhält, über unser eigenes Leben nachzudenken. Mit einem einzigen Gedanken kannst du nämlich schon alles verändern. Aber nur, wenn du diesem Gedanken oder deinem Traum auch Taten folgen lässt. Das glaubst du nicht? Doch, es ist wirklich so einfach. Dein ganzes Leben kann sich ins Positive wandeln, wenn du bereit bist, dich an gewisse Gesetzmäßigkeiten des Universums zu halten.

Das ist dir zu abgehoben? Also, um eine Sache mal von vornherein klarzustellen: Ich bin kein verrückter esoterischer Spinner, der den ganzen Tag mit seinen zotteligen Hippie-Freunden zusammensitzt, den Joint kreisen lässt und grünen Tee trinkt. Keine Sorge! Ich bin auch kein Philosoph, der dir »die Wahrheit« über das Leben verraten will, denn das kann ich ohnehin nicht. Aber ich kann dir einen Weg zeigen, wie du gesund, glücklich, erfolgreich, was-auch-immer werden kannst, wie deine sehnsüchtigsten Wünsche in Erfüllung gehen können und alles zusammen am Ende sogar noch verdammt viel Spaß macht.

Hmm, du glaubst mir nicht? Alles nur blöde Sprüche, schon tausendfach gehört? Also schön, dann stelle ich dir eine klitzekleine Gegenfrage: Wieso hat es mit dem Träume erfüllen ausgerechnet bei mir ein Leben lang, bis zum heutigen Tag, funktioniert? Ich bin sicher nicht intelligenter, cleverer oder geschickter als du, trotzdem habe ich meine Träume Wirklichkeit werden lassen. Aus einem kleinen Jungen aus Sarstedt, einem 9000-Einwohner-Dorf in der tiefsten Provinz Niedersachsens, ist ein Rockstar geworden, der auf der ganzen Welt über 100 Millionen Platten verkauft und mit den SCORPIONS die erfolgreichste deutsche Rockband aller Zeiten hervorgebracht hat.

Als ich 1965 begonnen habe, meine Vorstellung von all dem zu visualisieren und sie Anfang der Siebzigerjahre tatsächlich aussprach, wurde ich für meine Hirngespinste von allen Seiten zunächst mal laut ausgelacht. Glaube mir, alle Musikexperten der Nation bestätigten mir mit Brief und doppeltem Siegel, dass sowohl die Engländer als auch die Amerikaner Rockmusik sogar mit zusammengebundenen Händen zu jeder Zeit zehnmal besser machen würden als wir. Es war ein Albtraum. Ganz egal, wem ich von meiner Idee erzählte, ich bekam nur negative Energie zurück: »Rudolf, das kannst du nicht! Das schaffst du nie! Schuster, bleib bei deinem Leisten! Du willst eines Tages zu den 30 berühmtesten Rockbands der Welt gehören? Du? Wer bist du denn schon?«

Zugegeben, eine berechtigte Frage: Wer bin ich schon? Ich habe sie mir am Anfang meiner Karriere immer und immer wieder gestellt und kam schließlich zu einer weiteren, in dem Augenblick allerdings viel bedeutenderen Frage: Warum soll ich das eigentlich nicht schaffen können? Ich reiche die Frage gerne an dich weiter. Warum sollst du deine Träume nicht auch verwirklichen können?

Ein aktualisierter Auszug aus dem Buch „ROCK YOUR LIFE – Mit Spaß zu Glück und Erfolg“

Hier außerdem der Trailer zum Kinofilm der Scorpions:

Leave A Comment

Your email address will not be published.

1 Responses to “„Scorpions“-Gitarrist Schenker”

  • Rudolf Schenker tolle Socke.

    Mein größter Traum ist es die Scorpions zu treffen und die Liebe meines Lebens zu heiraten.

    Und falls ich je Papa werden sollte und es ein Junge werden sollte würde er Matthias heißen.

    Wenns ein Mädchen wird Michelle Rose =)

    Tolle Message von dir Rudolf ich liebe Scorpions über alles danke für alles

    Euer Chris Tiger