„Viele meiner Schauspielkollegen werden richtig grantig, wenn man sie über Jahre hinweg immer wieder mit einer bestimmten Rolle identifiziert. Nun, auch ich habe mehr als 70 Charaktere in Film- und Fernsehproduktionen verkörpert. Aber keine Frage, es war eben jener Wyatt „Captain America“ im Film „Easy Rider“, den ich als die Rolle meines Lebens bezeichnen würde. Wenn mich heute Leute mittleren Alters auf der Straße ansprechen, dann erwähnen neun von 10 „Easy Rider“, und erzählen, wie sehr Dennis Hopper, Jack Nicholson und meine Wenigkeit damals ihr Leben beeinflusst hätten. Und natürlich davon, wie cool wir doch waren auf unseren Harley Davidson Motorrädern, als wir quer durch Amerika brausten, und dem Spießertum den Mittelfinger zeigten. Ja, cool waren wir tatsächlich. Und wir haben es nicht mal gespielt, auch wenn vor allem Jack und Dennis mehrere Auszeichnungen für ihre schauspielerischen Leistungen in „Easy Rider“ erworben haben. Wir haben es wirklich gelebt, dieses grenzenlose Gefühl von Freiheit, das man eben nur auf dem Rücken eines Bikes erfährt.

Als wir „Easy Rider“ 1968 drehten, formierte sich die Studentenrevolte rund um den Globus, mit der die jungen Intellektuellen gegen verlogene Regierungen rebellierten. Als der Film 1969 in die Kinos kam, marschierten Tausende zum Protest gegen den Vietnam-Krieg nach Washington. Das war perfektes Timing. Obwohl „Easy Rider“ nie wirklich ein Anti-Kriegsfilm war, wurde er dennoch unfreiwillig zu einem Symbol der Flower-Power-Generation. Wir haben, so sagte man uns jedenfalls, mit unserer Sprache und den lässigen Motorradszenen einen neuen Maßstab für eine selbstbewußtere Jugend geschaffen. Ich habe mich nicht wirklich unwohl gefühlt in dieser Rolle, denn Motorradfahren wurde ja auch für mich selbst, dank des Filmes, zum Stilmittel meiner eigenen veränderten Weltanschauung. Und daran hat sich bis heute wenig geändert. Ich drehe fast täglich meine Runden auf einem meiner vier Motorräder kreuz und quer durch unsere Wahlheimat Montana. So zwischen 50 und 100 Kilometer sind es meistens. Manchmal aber auch 200 oder 300. Es ist einfach unbeschreiblich befreiend, fast wie eine Sucht, wenn einem der Wind ins Gesicht bläst, begleitet vom monotonen Knattern des Auspuffs, und die endlos langen Straßen im Blick. Ich kenne kein entspannenderes Gefühl.

Ich werde oft gefragt, ob ich die Original Harley aus „Easy Rider“ noch besitze. Tatsache ist leider, dass alle 14 Motorräder, die wir für den Film benutzt haben, zwei Wochen vor Abschluss der Dreharbeiten aus der Garage unseres Chefmechanikers gestohlen wurden. Das ist auch der Grund dafür, warum in der letzten Lagerfeuer-Szene im Hintergrund keine Motorräder mehr zu sehen sind. Motorraddiebe zerlegen ihre Beute normalerweise in alle Einzelteile und verscherbeln diese dann. Da fahren heute sicher Leute mit Teilen unserer berühmten Harleys rum, und wissen es gar nicht.

Meine private Sammlung besteht seit Jahrzehnten aus einer Ducati, einer Harley-Davidson und zwei alten BMWs. Eine davon, eine 1978er BMW, habe ich in Los Angeles in einem Hotel untergestellt, damit ich mobil bin, wenn ich mal in der Stadt bin. Die andere, ein Baujahr 1982, ist mein Lieblingsbaby daheim in Montana. Ich weiß, es klingt albern, aber ich bezeichne meine Bikes allesamt als Babys, und so behandle ich sie auch. Meine Frau Margaret sagt immer, sie würde sich wünschen, dass ich ihr auch mal so zart den Rücken massiere, wie ich die Tanks meiner Bikes poliere. Ich beruhige sie dann gewöhnlich mit dem Versprechen, dass die Motorräder die einzigen außerehelichen Liebschaften für mich bleiben werden. Margaret hat dennoch oft gemischte Gefühle den „Konkurrentinnen“ gegenüber. Sie ist der Meinung, dass ein 74jähriger nicht mehr unbedingt den coolen Maxe auf dem Motorrad mimen muss. Ich denke, sie hat einfach Angst um mich. Das ist ja auch nicht ganz unbegründet, schließlich habe ich mir schon zweimal böse den Rücken verletzt bei Unfällen. Allerdings rase ich heute auch längst nicht mehr so unbedacht, wie ich das früher noch getan habe. Ich bin buchstäblich zum „Easy Rider“ mutiert.“

Aufgezeichnet von Andreas Renner

Das Foto zeigt Peter Fonda mit seiner BMW Baujahr 1982.

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