Mit ihrer mitreißenden Darbietung der Christiane F. in dem Kult-Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ prägte sie Generationen. Die damals 15-Jährige Natja Brunckhorst aus Berlin-Zehlendorf wurde damit über Nacht berühmt und floh schließlich vor sich selbst und dem Ruhm, weil er für sie zum Fluch wurde. Heute – 33 Jahre später und nach einer überwundenen Krebs-Krankheit – kann die 50-jährige Drehbuchautorin und Schauspielerin auf diese Zeit ohne Wehmut zurückblicken. Im exklusiven Interview spricht sie über das schwarze Loch nach dem Film und darüber, wie sie wieder zurück ins Leben fand. Über Drogen, was sie heute macht und wie sehr sie Christiane F. immer noch beschäftigt. . .

Mit ihrem Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ aus dem Jahr 1981 wurden Sie sehr früh berühmt. Wie gingen Sie damals mit dem schnellen Ruhm um, der ja bekanntlich Fluch und Segen zugleich ist?

ChristianeF1981

Natja Brunckhorst als Christiane F.

Man muss zwei Sachen trennen. Das eine ist die Arbeit als Schauspielerin an dem Film. Die hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, denn die Rolle war ganz wunderbar. Sich auf dem Boden zu wälzen und diese unglaubliche Tragik zu fühlen war für mich ein großes Abenteuer. Aber die andere Seite ist der frühe Ruhm und dazu muss ich ganz ehrlich sagen: Das wünsche ich keinem Menschen. Das kennt auch jeder, der früh berühmt geworden ist. Das macht keinen Spaß. Es war extrem schwer für mich. Ich war gerade mal 15 Jahre alt, als der Film veröffentlicht wurde. Ich konnte damit einfach nicht umgehen und hatte auch niemanden, der mir dabei half. Aber das gehört nun mal zu meinem Leben. Mittlerweile ist das über 30 Jahre her und ich habe mich damit arrangiert, dass ich für alle immer noch das Drogenmädchen Christiane F. bin.

Aber was waren die konkreten Auswirkungen Ihrer rasanten Bekanntheit?

Naja, wenn man so berühmt ist, dann wollen plötzlich alle mit einem befreundet sein. Und zwar auch die, die einen vorher eigentlich gar nicht so mochten. Insofern wird man sehr misstrauisch. Und wenn man misstrauisch ist, wird einem schnell Arroganz unterstellt. Ein ewiger Teufelskreis. Also Freundschaften zu schließen und zu behalten wurde auf einmal sehr schwierig für mich. Meine Schulzeit wurde zur Hölle.

Fielen Sie in das berühmte schwarze Loch?

Ja, zum einen war ich schrecklich einsam, als der Dreh plötzlich vorbei war. Ich hatte ja vorher insgesamt 103 Drehtage, war die ganze Zeit beschäftigt. Danach, als ich plötzlich kein Filmteam mehr um mich herum hatte, wusste ich nichts mehr mit mir anzufangen. Ich bin dann aus Sehnsucht immer wieder zu den Drehorten gefahren und habe mich gefragt, ob ich vielleicht da hingehöre, weil ich mich dort erschreckend zu Hause gefühlt habe. Das war ein irritierendes Gefühl. Zum anderen konnte ich einfach nicht mit der neuen Situation, bekannt zu sein. umgehen und bin sehr schnell aus Berlin geflüchtet, weil es dort einfach nicht mehr erträglich für mich war. Ich bin auf Schritt und Tritt beobachtet und überall erkannt worden. Ganze Schulklassen verfolgten mich, sobald sie mich entdeckten. Und alle dachten noch dazu, ich wäre die echte Christiane F. Das war sehr hart für mich. Deshalb bin ich ganz allein nach London abgehauen, wo ich eine Schauspielschule besuchte und später ging ich nach Paris, um zu modeln. Ich konnte endlich wieder mein Leben leben. Dort ging es mir dann wieder gut.

Wenn man so einen Film in so jungen Jahren dreht, ist man dann derart abgeschreckt von Drogen, dass man für immer die Finger davon lässt? Oder hat das eher den gegenteiligen Effet, dass man neugierig wird und das auch unbedingt mal ausprobieren will?

Nein, ich glaube der Wille zum Nehmen der Droge ist viel früher gesetzt, also in der Kindheit. Im Alter von 13 Jahren, als ich anfing den Film zu drehen, ist das schon entschieden. Aber ich war eben nie ein Drogentyp, schon vorher nicht. Drogen waren nie ein Thema für mich. Ich habe sie nie ausprobiert!

Wie haben Sie es dann geschafft, sich als junges Mädchen so sehr in dieses Gefühl der Drogensucht hineinzufinden?

Man nennt das wohl die erste Naivität einer jungen Schauspielerin. Das ist das Beste, was einem überhaupt passieren kann. Ich habe überhaupt nicht nachgedacht und einfach nur gemacht, was mir gesagt wurde, ohne zu hinterfragen. Ich habe mich sozusagen nur „zur Verfügung gestellt“. Und die Traurigkeit der Christiane F. hatte ich auch wegen diverser persönlicher Dinge in mir. Die habe ich dann eingesetzt. Insofern konnte ich mich sehr gut in die Rolle hineinversetzen.

Schauen Sie sich den Film manchmal noch an und denken an die alten Zeiten?

Ich habe ihn zusammen mit meiner Tochter Emma (25) nochmal angeschaut, als sie so alt war wie ich damals. Und ich gehe ab und an auch immer noch an Schulen, weil der Film immer noch im Unterricht gezeigt wird. Dort rede ich mit den Jugendlichen über das Thema Drogen. Das ist immer sehr spannend.

Wie hat ihre Tochter auf den Film reagiert? War es nicht unglaublich schockierend für sie, die eigene Mutter so zu sehen?

Zum Glück war sie da ja schon alt genug. Für sie war es eher schwierig, sich selbst darin so sehr wieder zuerkennen. Sie sieht mir nämlich extrem ähnlich.

 Will sie auch Schauspielerin werden?

Nein, sie studiert, hat gerade den Bachelor geschrieben und arbeitet als Model, um sich zu ernähren. Sie macht da auch einen sehr guten Job. Aber das Modelbusiness ist auch ein sehr schwieriges.

Hatten Sie auch mal Angst, dass ihre Tochter anfangen könnte, Drogen zu nehmen? Wie wollten Sie sie davor schützen?

Ich glaube, diese Angst hat jede Mutter. Aber als Mutter hat man auch Angst, dass das Kind vergewaltigt werden könnte, wenn es alleine rausgeht. Das muss man einfach lernen, abzustellen. Wenn man Kinder hat, hilft sowieso nur noch beten (lacht). Und: Man muss natürlich den Grundstein in der Kindheit legen. Ich bin froh, dass meine Tochter gut durch die Pubertät gekommen und ein klasse Mensch geworden ist, ohne in irgendwelche Fallen zu tappen. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Ich hab sie auch vor dem Modeln gewarnt – wahrscheinlich macht sie es aber gerade deswegen (lacht). Man kann dem eigenen Kind im Prinzip nichts mitgeben, nur sein eigenes Leben gut vorleben.

Sie erwähnten gerade, dass sie immer noch an Schulen fahren, um dort mit Jugendlichen über das Thema Drogen zu sprechen. Haben Sie das das Gefühl, dass sich die Lage heutzutage etwas entspannt hat, oder ist die Problematik vielleicht sogar noch größer geworden?

Ich glaube, der Drogenkonsum von Jugendlichen ist ungefähr gleich geblieben. Was ich schwierig finde ist, dass die Drogen sich heutzutage geändert haben und man diese dadurch überhaupt nicht mehr einschätzen kann. Heute nimmt man irgendeine Pille und weiß gar nicht, was drin ist. Da wird‘s dann besonders gefährlich.

Was machen Sie heute? Drehen Sie noch?

Ja, ab und zu. Vor drei Jahren habe ich den Film „Totem“ in Venedig mit einer sehr jungen Regisseurin gedreht. Jetzt kommen manchmal Filmhochschüler auf mich zu und entdecken mich wieder. Da habe ich natürlich nichts dagegen (lacht). Aber in erster Linie sehe ich mich heute als Filmemacherin. Ich schreibe vor allem Drehbücher.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Ich schreibe an einem Drehbuch mit dem Namen „Der Müll, der Unfug und die Liebe“. Es ist eine Liebesgeschichte mit sanftem Humor zwischen einer älteren Frau und einem jungen Mann. Es geht im Prinzip um zwei Menschen, die sich gegenseitig retten. Ein absoluter Wohlfühlfilm.

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