Jorge, du macht auf High Heels oftmals eine bessere Figur als manche Frau. Wann hast du eigentlich das erste Mal High-Heels getragen?

Da war ich ungefähr fünf Jahre alt. Ich bin ja in Kuba aufgewachsen, meine Mutter und meine Oma hatten so tolle stilvolle High Heels aus den 50-er Jahren. Ich habe sie mir oft heimlich aus deren Schrank geholt und bin damit durch die Wohnung stolziert. Meine Oma hat mich irgendwann erwischt, aber sie hat nicht geschimpft. Sie hatte ja keine Ahnung, dass das für mich damals offensichtlich nicht nur ein Kinderspiel war, sondern dass High Heels bis heute meine ganz große Leidenschaft sind. Ich wusste schon mit vier Jahren, dass ich mich mehr für Jungs interessierte.

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Photo by Micah Smith

Wie hast du das gemerkt?

Ich machte mir einfach nichts aus Mädchen und guckte immer den Jungs in meiner Nachbarschaft hinterher. Und im Gegensatz zu den anderen Jungs bei uns im Ort interessierte ich mich schon sehr früh fürs Tanzen und Gymnastik und spielte mit Puppen. Ich habe schon als Kind immer zu meiner Mama gesagt: Ich will mal Tänzer werden. Das war mein Traum, ich wollte klassischer Tänzer werden.

Wie hat deine Familie darauf reagiert, dass du anders warst als andere Jungs?

Mein Vater wollte mir die Flausen mit dem Tanzen mit aller Gewalt austreiben. Er hatte Angst davor, dass ich schwul sein könnte und hat alles versucht, mich mehr für männliche Themen zu interessieren. Er schleppte mich zu Baseballspielen und erklärte mir Autotechnik. Aber ich fand das furchtbar langweilig. Ich habe mich in der Schule trotz aller Widerstände für die Tanzkurse angemeldet.

Hat dein Vater je akzeptiert, dass du homosexuell bist?

Das Problem war: Im kubanischen Staat war Schwulsein damals noch gesetzlich verboten! Man wurde als Schwuler verfolgt und man hatte auch keine Chance auf einen Studienplatz, wenn man homosexuell war. Für meine Familie ging es daher auch um die Ehre. Man musste Angst haben, dass man ausgegrenzt wird. Ich habe gesehen, wie andere Homosexuelle auf der Straße beschimpft und bespuckt wurden. Manchmal hat man sie sogar mit Steinen beworfen. Mir war schnell klar, dass ich nach außen hin nicht sagen durfte, dass ich schwul war, sonst hätte ich keine Chance gehabt auf eine gute Schule zu gehen und wäre überall verachtet worden.

Immer für einen Spaß zu haben: Jorge mit Andreas von neuH in Los Angeles.

Wie hast du das verkraftet?

Es war hart! Verdammt hart. Ich fühlte mich gefühlsmäßig oft eingesperrt wie in einem Käfig. Aber ich wusste auch, dass ich nicht krank war oder so was. Ich beschreibe es immer so: Der eine mag lieber Vanille, der andere bevorzugt Schokolade. Und so habe ich das gesehen. Da Schwulsein in Kuba nicht akzeptiert war, musste ich also eine Rolle spielen. Das habe ich schnell kapiert. Ich habe mich daher im Sport besonders angestrengt, um einer der Besten zu sein. Und auch in der Schule war ich vorne dabei und machte mir viele Freunde, indem ich Klassenkameraden oft bei den Hausaufgaben half.

Konntest du dich niemandem anvertrauen?

Ein paar Freunde wussten es natürlich und sie haben es auch verstanden. Einige andere haben es geahnt und mich auch oft verspottet. Aber da habe ich drüber gestanden. Ich hatte vor allem viele weibliche Freunde, die mochten mich, weil sie mit mir über alles sprechen konnten und sich auch mal anlehnen konnten, ohne dass ich etwas von ihnen wollte.

Hast du deine Heimat Kuba also verlassen, weil Homosexualität dort verboten war?

Ja, das war letztlich der Grund. Kuba ist ja ein kommunistisches Land, man konnte nicht so einfach ausreisen und woanders neu anfangen. Es gab nur zwei Wege: Entweder mit einem Boot über den Atlantik nach Amerika fliehen, oder in einem anderen kommunistischen Land studieren gehen. Ich habe mich für das Studium entschieden. Doch auch das war gar nicht so einfach. Es gab nur sehr begrenzte Studienplätze im kommunistischen Ausland – man musste zuvor einen Platz auf einem der zwei staatlichen Internate ergattern und dort zu den Besten gehören, um überhaupt eine Chance zu haben.

Du hast das geschafft?

Ja, ich habe mich bereits mit neun Jahren darauf vorbereitet, dass ich mit elf Jahren auf einem der beiden Internate in Kuba aufgenommen werde. Um da rein zu kommen, musste man der Klassenbeste in seinem Heimatort sein. Darum habe ich jeden Tag gepaukt wie verrückt und mehrmals pro Woche Nachhilfestunden genommen. Ich war sehr ehrgeizig. Denn ich wusste: Dieses Internat war mein einziger Weg, das Land zu verlassen und ein freies Leben zu führen, ohne als Homosexueller verspottet und erniedrigt zu werden. Es war wirklich ein harter Kampf.

Wie sah der Alltag im Internat in Kuba aus?

Das war ziemlich hart. Um sechs Uhr mussten wir aufstehen und noch vor der Schule bei der Ernte helfen bis 10.30 Uhr. Danach kurz duschen, Mittagessen und dann zwischen 13 Uhr und 18 Uhr zum Unterricht. Dann Abendessen und anschließend noch zwischen 20 Uhr und 22 Uhr Hausaufgaben und Nachhilfe. Es war echt nicht leicht und ich habe es oft gehasst. Aber rückblickend habe ich erkannt, dass es eine gute Vorbereitung auf das Leben war.

Als du später Deutschland kamst, warst du da auch wieder ein Außenseiter aufgrund deiner Hautfarbe?

Ich war ja zuerst in der Tschechoslowakei, das war damals auch noch ein kommunistisches Land. Zu jener Zeit war meine Haut noch viel dunkler. Und ich hatte Locken. Ich sah ganz anders aus, als die meisten Leute dort. Eine Frau kam mal auf mich zu und sagte: Darf ich deine Haare anfassen? Hier und da kam auch mal ein blöder Spruch, aber meistens waren die Menschen nett. Ich muss sagen, auch später in Deutschland habe ich niemals Anfeindungen erlebt aufgrund meiner Hautfarbe. Viele Leute in Kuba hatten Angst um mich, als ich nach Deutschland kam. Irgendwie haben die Deutschen im Ausland manchmal noch den Ruf ausländerfeindlich zu sein. Aber das stimmt gar nicht – das ist das toleranteste Volk dass ich kenne. Es gibt sicher überall ein paar Idioten, die quer schlagen. Aber die Masse ich wirklich sehr nett.

Wie Deutsch bist du mittlerweile?

Von den Deutschen habe ich Pünktlichkeit und Organisation gelernt. Und ich liebe Schwarzbrot. Toleranz habe ich vor allem auch in Deutschland gelernt. Autos und Fußball interessieren mich hingegen weniger (lacht.)

Welchen Rat hast du für Teenager, die ebenfalls erkennen, dass sie schwul oder lesbisch sind, aber nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen gegenüber der Familie und den Freunden?

Mein Rat ist, dass jeder sein Leben so leben sollte, wie er es möchte. Es ist okay, anders zu sein. Homosexualität ist keine Krankheit. Niemand muss sich schämen, denn es wirklich nichts dabei. Es ist okay, einen anderen Jungen oder ein anderes Mädchen zu lieben. Versteckt euch nicht, leidet nicht im stillen Kämmerlein sondern steht einfach dazu wie ihr seid. Auch wenn es andere in eurem Umfeld nicht verstehen – das ist okay. Ihr lebt nicht, um es anderen Recht zu machen – ihr lebt für euch! Beschäftigt euch ganz offen und ehrlich mit eurer Sexualität und macht euch nichts vor. Steht einfach dazu – ihr werdet sehen, dass das Leben sehr viel unbeschwerter ist, wenn ihr euch nicht ständig verstecken müsst. Eure sexuelle Neigung sollte kein Tabuthema sein. Sprecht darüber!

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Photo by: Timmo Schreiber/VOX

Für viele Teenager ist das offenbar leichter gesagt als getan – die Selbstmordrate auch unter homosexuellen Jugendlichen steigt stetig an.

Es erschreckt mich, dass viele junge Leute oft keinen anderen Ausweg finden, als Selbstmord zu begehen. Das macht mich traurig, denn es ist unnötig. Niemand sollte sich dafür schämen, dass er schwul ist. Ich bin doch der beste Beweis dafür, dass man auch als Homosexueller Spaß am Leben haben und erfolgreich im Beruf sein kann. Selbst, wenn man als Mann gerne High Heels trägt. Das Problem ist: Viele Eltern und Erwachsene nehmen die Gefühle und Sorgen der Teenager oft nicht ernst genug. Sie sagen: „Das wird schon, wenn er erst erwachsen ist.“ Aber das ist falsch. Teenager in der Pubertät erleben ihren Körper und ihre Sexualität ziemlich schnell. Wie gesagt: Ich wusste schon mit vier, dass ich auf Jungs stehe. Der eine entdeckt es früher, der andere später. Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man wie in einem Gefängnis leben muss. Darum appelliere ich an euch: Steht zu eurem eigenen Ich. Lebt aus, was ihr seid! Versteckt euch nicht!

Wie gehst du mit der Gefahr von AIDS um?

Ich nehme das sehr ernst, ich möchte schließlich nicht sterben an dieser Krankheit. Schwul oder nicht – auf was jeder Jugendliche unbedingt achten muss, ist ein ausreichender Schutz vor Aids! Es ist erschreckend, dass die Zahl der HIV-Erkrankungen bei Jugendlichen ständig steigt, viele Teenager nehmen das Thema offenbar nicht ernst genug. Leute, ihr spielt mit dem Feuer! Aids ist tödlich! Wollt ihr wirklich euer Leben riskieren, für einmal Sex ohne Schutz? Seid nicht so doof, verwendet Kondome! Sex ist toll und gehört zum Leben wie Essen und Trinken! Aber nicht, wenn man ihn ungeschützt auslebt.

Möchtest du irgendwann auch mal eine Familie gründen?

Nein, ich glaube nicht. Ich bin zwar ein ausgesprochener Familienmensch und liebe Kinder. Meine Familie ist sehr groß. Aber für mich ist das schwierig, weil ich sehr viel unterwegs bin. Eine Familie, Kinder und einen Partner zu haben, das kann ein Vollzeit-Job sein. Mir fehlt dafür einfach die Zeit. Aber ich bin auch so wirklich sehr glücklich. Schön ist aber, dass Homosexuelle heute sehr viel mehr Freiheiten und Rechte haben. Sie können Heiraten und sogar Kinder adoptieren, das ist wirklich ein großer Fortschritt. Die Gesellschaft wird dem Thema gegenüber immer liberaler und die Mehrheit hat gar kein Problem mit gleichgeschlechtlichen Paaren. Warum auch? Ich finde gut, dass es immer lockerer wird. Und das sollte schwule Jugendliche ermutigen, keine Angst vor der Zukunft zu haben.

 

 

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