Jede Nacht, nachdem die südkalifornische Abendsonne langsam im Pazifik zu versinken scheint, verwandelt sich der Sunset Boulevard, Hollywoods legendäre Lustmeile, in ein schillerndes Lichtermeer aus Millionen von Neonröhren und Leuchtreklamen. Mitten in dieser illustren Szenerie thront herrschaftlich mit strahlend weißer Fassade das “Chateau Marmont”, die Grande Dame der Hotels in Hollywood. Fast schon wie ein Fremdkörper wirkt das 1927 erbaute Hotel inmitten der modernen Glitzermetropole, umgeben von Sushi-Bars, Strip-Clubs und Tattoo-Studios. Das Chateau ist eines der letzten Relikte aus der so genannten Goldenen Ära der Filmindustrie. Damals, als Filme mit Ton noch eine Sensation waren und Hollywood seine ersten internationalen Stars wie Mary Pickford oder Florence Lawrence hervorbrachte. Seit jeher ist das Schlosshotel mit seinem wuchtigen Turm und auffälligen Spitzdächern magischer Anziehungspunkt und Spielwiese für die Reichen und Schönen der Stadt. Die Magie ist bis heute ungebrochen – das “Chateau” ist im Trend wie eh und je.

Wo sich Marilyn Monroe lasziv am Pool räkelte

John Lennon hatte hier lauten Sex mit Yoko Ono, die Monroe rekelte sich lustvoll am ovalen Pool, Bob Dylan komponierte Songs an der Hotelbar und Anthony Kiedis von den “Red Hot Chili Peppers” nahm seinen Gesangspart des Songs “By The Way” in einer der Suiten auf. Das Chateau ist ein Phänomen, es geriet nie außer Mode, trotzte seit Jahrzehnten jedem Gegentrend und vor allem der wachsenden Konkurrenz von schillernden Boutique-Hotels entlang des Sunset Strip. Wo früher James Dean, Sinatra und Co. feierten, vergnügt sich heute auch die neue Generation von Hollywood-Stars nicht minder exzessiv. Britney wurde schon einmal zur unerwünschten Person erklärt, Paris wandelte nur im Schlüpfer durch die Flure und Kiefer Sutherland war zu betrunken, um allein gehen zu können. Eher harmlos wirkt dagegen Eva Longorias Hausverbot, weil sie eigenhändig mehrere Tische und Stühle zusammenstellte, die reserviert waren. Nirgends in LA liegen Etikette und Skandal so nah beieinander wie im “Chateau Marmont.”

Scarlett Johansson und Benicio Del Toro hatten Sex im Aufzug

8221 Sunset Boulevard – so lautet die Adresse der wohl bekanntesten Edelherberge Hollywoods. Der Lift, der zur Lobby führt, ist keine zwei Quadratmeter groß, nichts für Leute mit Platzangst. Ideal allerdings für den schnellen Sex zwischendurch – fanden zumindest Scarlett Johansson und Benicio Del Toro, als sie hier einst mitten im Akt erwischt wurden. Die Folge: Beide haben bis heute Hausverbot. Auch die geschichtsträchtige Eingangshalle mit dicken Holzbalken an der Decke, wuchtigen Metall-Lampen und Basilika-Fenstern hat schon einige Skandale gesehen. In den 70er Jahren rasten die Mitglieder der Band “Led Zeppelin” hier mit ihren Motorrädern durch und verwüsteten das Inventar. Über die rot-braunen Terrakotta-Fliesen auf dem Boden lief schon ziemlich alles, was Rang und Namen hat in Hollywood. Auf dem wuchtigen Klavier in der Lobby gaben zu fortgeschrittener Stunde schon Sting, Justin Timberlake oder Billy Joel spontane Konzerte.

Die Bar erinnert mit den abgewetzten Holzstühlen ein bisschen an einen Western Saloon, von der Decke hängen kitschige rote Lampen mit Fransen aus Stoff. Der Barkeeper scheint so alt wie das Chateau selbst zu sein. Mit rauchiger Stimme berichtet er von Erroll Flynn, der die Bar des Chateaus regelmäßig für trinkfeste Abende mit seinen Freunden aufsuchte. Einmal, so die Legende, kippte er soviel Whiskey, dass er sturzbesoffen vom Barhocker fiel und ohnmächtig wurde. Man schleppte ihn in eines der Gästezimmer und beorderte eine weibliche Angestellte, die Nacht hindurch über Flynn zu wachen. Flynn soll nach ausgeschlafenem Rausch fortan mehrmals pro Woche das gleiche Zimmer reserviert haben – inklusive der weiblichen “Aufpasserin.”

Keanu Reeves und Drew Barrymore machten das Chateau zum Zuhause

Mit seinem immer gleichen, eher altmodischen Charme lockte das Hotel im Laufe seiner ereignisreichen Geschichte ganze Generationen von Stars an, die das Chateau als zweites Zuhause und in manchen Fällen sogar als festen Wohnsitz adoptierten. Zu den prominenten Dauergästen, die über Wochen, Monate und teils auch mehrere Jahre in dem Traditionshaus residierten, zählen Keanu Reeves, Jerry Stiller, Drew Barrymore, Billy Bob Thornton und Robert DeNiro. “Wenn die abends in die Bar kamen, war das so als würden alte Freunde zu Besuch kommen,” erinnert sich John, der Barkeeper. Der Mann plaudert wie ein Wasserfall. Von einem liebeshungrigen Howard Hughes berichtet er, der in der berüchtigten Bar küssend mit Schauspielerin Ava Gardner gesehen wurde. Hughes, damals einer der reichsten Männer der Welt und zudem einer der Pioniere des moderneren Films, wählte das Chateau bevorzugt für seine geheimen Liebesnächte mit Stars wie Bette Davis, Katharine Hepburn oder Olivia de Havilland. Er bestach das Personal mit Hundert-Dollar-Scheinen zur Verschwiegenheit – in den 30er Jahren ein kleines Vermögen.

Humphrey Bogart tröstete sich im Chateau über Ehefrust hinweg

 

Auch Hollywood-Legende Humphrey Bogart schätzte die Diskretion der Chateau-Mitarbeiter und tröstete sich in einer der 63 Suiten regelmäflig mit diversen weiblichen Schönheiten über den Frust dreier gescheiterter Ehen hinweg. “Der Bogart, der hatte Stil,” sagt John. Clark Gable wurde in seinen Filmen zwar als ausgemachter Frauenheld dargestellt, im Chateau soll er sich allerdings auch mal beim Sex mit Männern vergnügt haben. Aber nicht nur verbotene Liebe passierte im Chateau: James Dean und Natalie Wood begegneten sich erstmals im “Marmont.” Kurz vor den Dreharbeiten zu “Denn sie wissen nicht, was sie tun” – sie verliebten sich prompt. Und Paul Newman traf Mitte der 50er Jahre die Liebe seines Lebens, Joanne Woodward, in der Lobby des “Chateau.”

Der Außenbereich erinnert irgendwie an ein Kloster. Brennende Fackeln zaubern eine fast mystische Stimmung in dem eher kleinen, verwachsenen Garten. Unterhalb tobt das wilde Nachtleben auf dem Sunset Strip. Das Restaurant unter freiem Himmel wirkt dagegen wie eine Oase der Ruhe. An den Holztischen sitzen für gewöhnlich Hollywood-Stars wie Orlando Bloom, Johnny Depp und sture Alt-68er Seite an Seite. Könnten die dicken Steinmauern und das zumeist rustikale Inventar des Chateaus sprechen, sie hätten einiges zu berichten.

Jim Morrison stürzte besoffen aus einem Fenster

Stattdessen berichtet weiterhin John, der Barkeeper: Von Elizabeth Taylor etwa, die den Schauspieler Montgomery Clift im “Marmont” einquartierte und pflegte, nachdem der sich bei einem Autounfall 1956 schwer verletzte. Und von Greta Garbo, die sich einen Garten Bungalow mietete, weil dort jeden Morgen Vögel vor dem Schlafzimmerfenster sangen. Weniger Verständnis hat der Mann an der Bar hingegen für jene Stars, die das Chateau als bevorzugten Ort für wilde Parties oder Drogenorgien aufsuchten. Wie “Doors-Sänger Jim Morrison, der stürzte Ende der 60er Jahre völlig bekifft aus einem Fenster im vierten Stock und landete weich und unverletzt in einer Hecke. Andere hatten weniger Glück: Der Schauspieler John Belushi starb 1982 an einer Überdosis Kokain und Heroin in einem Garten Bungalow. Und Starfotograf Helmut Newton verunglückte im Januar 2004 tödlich, als er mit seinem Auto in der Hoteleinfahrt gegen eine Mauer raste. “Ein trauriger Tag. Ich mochte Helmut sehr gerne. Ein feiner Mann,” sagt John.

Sandra Bullock und der Hauch des Verbotenen

Mit der jüngeren Generation an Hollywood-Stars hat der grau melierte Barkeeper aus Leidenschaft hingegen weniger am Hut. “Die sind mir zu ungehobelt. Außer Johnny Depp, der ist sehr höflich.” John muss sich arrangieren, denn das Chateau hat als Sündenbabel auch für die Youngster und Neureichen nichts an Anziehungskraft verloren. Es diente Lindsay Lohan und Joaquin Phoenix, Sienna Miller und Jude Law, Jessica Simpson und John Mayer, Mandy Moore und Wilmer Valderrama sowie Britney Spears und Colin Farrell als geheimes Liebesnest. Sie alle haben sich scheinbar zu Herzen genommen, was Harry Cohn, der Gründer der Columbia Pictures Filmstudios, einmal sagte: “Wenn du dich schon in Schwierigkeiten bringen willst, dann tue es wenigstens stilvoll im Chateau Marmont.” Für Schauspielerin Sandra Bullock ist klar, warum das Chateau so attraktiv ist für Liebeshungrige: “Über dem Chateau liegt ein ganz besonderer Hauch des Verbotenen.” Ob und mit wem sie jemals im Chateau sündig wurde, wollte Bullock allerdings nicht verraten.

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