Cher und das Altern: keine harmonische Verbindung

Wenn man Cher so betrachtet, weiß man natürlich, dass da nicht mehr alles ganz natürlich gealtert ist in diesem ikonischen Gesicht. Aber bei ihr ist das sich auf eine seltsame Weise egal. Während man sich bei anderen Frauen ihres Alters nicht gerade wünscht, sie in Strapsen zu sehen, gehört es bei Cher auch mit 70 noch irgendwie dazu. Sie war und ist einfach schon immer ein Paradiesvogel gewesen. Eine Rebellin, ein Freigeist. Ich hatte vor einigen Jahren mal das Vergnügen das Multitalent zum Interview zu treffen. Auf der Bühne des „Colosseum“ in Las Vegas, wo sie damals eine Konzertreihe absolvierte. Ich traf sie nach der Show, sie war abgeschminkt, trug eine pinke Schlabberhose, Sneakers und ein Sweat-Shirt mit einem aufgedruckten Stinkefinger. Typisch Cher eben. Als ich das Interview kürzlich nochmal durchlas, habe ich erkannt wie zeitlos es eigentlich ist. Darum dachte ich, der 70. Geburtstag von Cher sei ein guter Anlass, es nochmal online zu stellen.  Man bekommt sehr schnell einen Eindruck, wie Cher tickt . . . viel Spass beim Lesen!

Gut sehen Sie aus . . . für fast 70.

Müssen Sie mir mein Alter so offensichtlich unter die Nase reiben?

Das war doch ein Kompliment. Haben Sie ein Problem mit Ihrem Alter?

Ich bin fast 70 – ich würde doch lügen, wenn ich sage, dass ich kein Problem damit habe. Ich fühle mich zwar topfit. Aber man kann sich noch so gut ernähren, viel Sport treiben und sich Feuchtigkeitscremes ins Gesicht schmieren – der Körper lässt automatisch nach im Alter. Und das nervt. Ich habe manchmal das Gefühl, das Altern steht mir im Weg. Aber was soll’s, ich lasse mir nicht den Lebensmut nehmen von diesen blöden Alterszahlen.

Hat das Altern nichts Positives?

Nein, absolut nichts! Und wer was anderes behauptet, der bescheißt sich selbst. Ich blicke dennoch nicht komplett frustriert in die Zukunft. Meine Oma sah auch mit 96 Jahren noch heiß aus, ebenso wie meine Mutter mit weit über 80. Ich hoffe einfach darauf, dass die guten Gene weiterhin durchschlagen. Und ich lasse auch in Zukunft die Finger von Alkohol und Drogen, damit bin ich bislang gut gefahren.

Sie zwängen sich noch in enge Kostüme und wollen sexy wirken. Was sagen Sie Kritikern, die glauben, Frauen sollten ab einem bestimmten Alter nicht mehr zu viel Haut zeigen?

Kurz und knapp: Fuck them!

Mit dem Thema Sex haben Sie also noch nicht abgeschlossen?

Machen Sie Witze? Das Thema Sex sollte nie abgeschlossen sein, solange das Blut noch durch die Adern fließt. Ich bin zwar etwas in die Jahre gekommen, aber noch nicht tot. Ich fühle mich sexy und ich fühle Sex.

Seit Ihrer zweiten Scheidung 1979 haben Sie nicht mehr geheiratet. Ist es mit fast 70 zu spät für die Liebe des Lebens?

Nein, es ist nie zu spät für die Liebe. Ich würde auch nicht ausschließen, dass ich noch mal heirate. Allerdings habe ich festgestellt, dass es für mich persönlich die bessere Lebensform ist, wenn man sich nicht zu fest an eine Person bindet. Ich habe es immer genossen, mich zwischendurch neu zu verlieben. Das hält frisch.

Stehen Männer bei Ihnen unterm Pantoffel?

Ich lebe nach dem Grundsatz: Jedem das Seine. Ich finde es schön, mit einem Mann gemeinsam das Leben zu genießen. Aber wenn ein Typ nicht akzeptiert, dass ich nicht bereit bin, für eine Beziehung meine Persönlichkeit zu ändern, dann fliegt er raus. Ich finde, diesen Fehler machen leider zu viele Frauen. Sie ordnen sich zu sehr unter und geben das eigene Leben auf. Das ist falsch.

Sie sollen um die 250 Liebhaber gehabt haben in Ihrem Leben – von Elvis bis Tom Cruise und Eric Clapton. Sticht einer heraus?

Um Gottes Willen, so viele waren es nicht. Ich bin doch keine Nymphomanin. Es gab gute und es gab wirklich schlechte. Und dann gab es Sonny.

Was genau machte die spezielle Verbindung zwischen Ihnen und Sonny Bono aus?

Wir waren zunächst gute Freunde bevor wir uns schließlich irgendwann ineinander verliebten. Das war keine Liebe auf den ersten Blick sondern eine Beziehung, die von Beginn an auf tiefem Respekt und gegenseitigem Vertrauen basierte. Und das blieb auch so, nachdem wir uns 1975 scheiden ließen. Sonny und ich waren sehr enge Freunde bis zu seinem Tod 1998. Ich spüre, dass Sonny auch heute noch bei mir ist. Manchmal flackert meine Nachttischlampe und dann weiß ich, der Mistkerl ist wieder bei mir und erlaubt sich einen Scherz. Das wäre typisch für Sonny. Ich sehe ihn regelrecht vor mir, wie er da oben auf einer Wolke sitzt und hämisch vor sich hin grinst, während ich mich erschrecke wegen dieser blöden Lampe, die ständig an und aus geht. Es gibt eigentlich keinen Tag, an dem ich nicht an Sonny denke. Zu Beginn unserer Karriere nannten wir uns noch „Ceasar & Cleo“ – das passte eigentlich ganz gut, denn wir waren tatsächlich ein bisschen wie Julius Ceasar und Cleopatra. Wir waren einfach Seelenverwandt.

Sonny Bono war zudem Ihr musikalischer Förderer. Wo wären Sie heute ohne ihn?

Ohne Sonny hätte ich wahrscheinlich nie eine Karriere im Showgeschäft gehabt. Er hat mich immer bestärkt zu singen, obwohl ich eigentlich auch heute noch finde, dass ich nur ein beschränktes Talent habe. Ich klinge doch mehr wie ein Mann, weniger wie eine Frau. Zu Beginn meiner Karriere hätte man mich stimmlich leicht mit Paul McCartney verwechseln können. Ich frage mich manchmal wirklich, wie ich überhaupt die Karriere haben konnte, die ich hatte. Anfangs habe ich mich oft amüsiert über das, was Sonny und ich abgeliefert haben. Ich hätte nicht gedacht, dass es Bestand haben könnte. Aber die Leute mochte es. Wahrscheinlich wegen des besonderen Humors, den Sonny und ich an den Tag legten. Er war einer der witzigsten Menschen, die ich kannte. Er bringt mich noch heute zum Lachen, wenn ich unsere alten Shows sehe. Sein Humor war einer der wichtigsten Gründe, warum ich mich damals in ihn verliebt habe. Dieser Mann hatte so viel positive Lebensenergie in sich, das war phantastisch!

 

Können Sie etwas anfangen mit den leicht schrillen Stars von heute wie einer Lady Gaga oder Christina Aguilera ?

Christina Aguilera ist großartig, tolle Stimme. Sie trägt nur zuviel Make-up. Steht ihr nicht. Lady Gaga ist auch toll. Ich hoffe, sie hält durch. Sie wird ja nicht nur geliebt, sondern auch oft kritisiert. Das kenne ich auch aus meiner Karriere. Ich habe in den 60ern Kostüme getragen, wie sonst kein anderer Künstler. Was wurde nicht alles geschrieben über mich. Mal war ich eine Schlampe, dann wieder eine verrückte Rebellin. Ich habe das aber nie persönlich genommen, wenn jemand doofe Kommentare über mich abgegeben hat. Kunst ist auch dazu da, nicht nur von der breiten Masse geliebt zu werden, sondern auch mal zu provozieren und zu polarisieren. Grundsätzlich muss ich sagen, dass das Showgeschäft von heute wirklich schrecklich ist. Alles ist so vorprogrammiert. Sonny hat damals Songs geschrieben, man ging zu einer Plattenfirma und hat versucht, einen Vertrag zu bekommen. Dann gingen die Leute in einen Plattenladen und haben die Alben gekauft. Heute kann man sich Lieder einfach im Internet klauen und der Künstler schaut in die Röhre. Grausam. Da bin ich froh, dass ich noch in einem anderen Zeitalter groß geworden bin . . .

 

Einer Ihrer größten Hits hieß „If I Could Turn Back Time“ – gibt es eine Phase in Ihrem Leben, die Sie gerne noch mal erleben würden, wenn Sie die Zeit zurückstellen könnten?

Ich würde am Liebsten noch Mal 40 sein wollen. Das war eine tolle Zeit. Ich erinnere mich noch genau an meinen 40. Geburtstag, wir haben in einem Club die ganze Nacht durchgetanzt. Das war wirklich eine sehr schöne Phase in meinem Leben. Meine Kinder lebten noch bei mir, ich hatte ein erfolgreiches Album auf dem Markt – alles hat gepasst, ich war rundum glücklich.

Heute nicht mehr?

Ich bin nicht etwa unglücklich, das wäre vermessen. Ich bin gesund und darf mich nicht beschweren. Aber es gab eben auch schon glücklichere Zeiten im Leben.

Hat die Geschlechtsumwandlung Ihrer Tochter Chastity zum Mann namens Chaz Sie schwer mitgenommen?

Ich bin stolz auf sie, ich meine auf ihn. Ich komme manchmal noch immer etwas durcheinander mit der Anrede. Das ist wirklich gewöhnungsbedürftig für eine Mutter. Ich respektiere die Entscheidung von Chaz, wie meine Tochter, ich meine mein Sohn sich jetzt nennt. Obwohl es für mich schon schwierig ist, mir vorzustellen, dass ich plötzlich keine Frau mehr sein sollte. Ich lebe sehr gerne in einem weiblichen Körper und würde das um nichts im Leben ändern wollen. Aber Chaz ist glücklich mit der Entscheidung – das ist alles was zählt.

Fotos: Warner Music

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