neuH-Reporterin Melanie Hillmann traf Gerichtszeichner Bill Robles zum Interview in Los Angeles. Robles zeichnete neben  Michael „Jacko“ Jackson auch schon Charles Manson, O.J. Simpson und Roman Polanski auf der Anklagebank.

Das erste Mal treffe ich Bill Robles 2005 zum Prozessbeginn vor dem Gerichtsgebäude in der kalifornischen Einöde Santa Maria. Während Medienvertreter aus 28 Nationen darauf warten, dass Neuigkeiten aus dem Verhandlungsraum nach draußen dringen, steht Bill lächelnd, neugierig und ein wenig stolz neben seinen Zeichnungen und verhandelt mit Produzenten, Journalisten und Kameraleuten über die Preise seiner Illustrationen. Bis vor wenigen Minuten saß Bill nämlich noch direkt vor der Anklagebank, auf der ein Weltstar Rede und Antwort geben musste: Michael Jackson!

Michael Jacksons bizarrer Kindesmissbrauchs-Prozess

Bill versuchte die Schlüsselmomente der Verhandlung in seinen Illustrationen festzuhalten, denn Fotografen waren nicht erlaubt im Sitzungssaal. Dem verstorbenen King of Pop wurde damals Kindesmissbrauch vorgeworfen.  In diesem und zahlreichen anderen Promi-Prozessen ist Bill Robles oft der einzige Gerichtszeichner, der die Verhandlungen hautnah von Anfang bis Ende miterlebte und der täglich penibel genau die berühmten Angeklagten skizzierte. Beweise, Fakten und Zeugen sind jedoch in Bills Alltag uninteressant. Er interessiert sich für Gesichtszüge, Outfits, Frisuren und Interaktionen.

Bill-Robles-web

Photo by: Bill Robles

Seit dem Charles Manson Gerichtsprozess im Jahre 1970 ist Bill Robles bereits als Gerichtszeichner aktiv und ist besonders fasziniert von den Prozessen, die Schlagzeilen machen. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen Elizabeth Williams und Sue Russell hat er ein Buch veröffentlicht: ”The Illustrated Courtroom: 50 Years of Court Art”.

Wundern Sie sich, dass Sie trotz High Speed Internet und modernen Übertragungswagen immer noch im Geschäft sind?

Was mich wirklich täglich erstaunt ist, dass ich im Zeitalter von Satelliten und hochmoderner digitaler Medien immer noch meinen 20 Dollar Zeichenblock, meinen Bleistift und meine Farbstifte bei mir habe. Prozesse wie „Katherine Jackson gegen den Veranstalter AEG“ und der Aurora-Kino-Mörder „James Holmes“ halten mich weiter auf Trab.

Wann haben Sie als Gerichtszeichner angefangen?

Gerade frisch von der Designerschule habe ich 1970 angefangen. Mein erster Auftrag war für CBS Fernsehen, beim Charles Manson Prozess. Das war der erste große Schlagzeilen-Prozess. Das war riesig, denn es waren mehrere Morde involviert. Jede TV-Station hatte damals seinen eigenen Gerichtszeichner.

Das Cover des Buchs ist Ihre Zeichnung von Charles Manson, wie er den Richter mit einem Bleistift attackierte. Das ging damals um die Welt. Undenkbar in der heutigen Zeit, oder?

Niemals wird so etwas wieder passieren. Es ist alles dreifach gesichert heutzutage. Mit Handschellen, Fußfesseln und ganz speziellen Sicherheitsbestimmungen. Manson hat seine Fassung verloren, er nahm einen Bleistift und sprang über die Anklagebank. Er wollte den Richter angreifen. In Sekundenschnelle war der Polizist da.

Was ist für Sie die größte Herausforderung wenn Sie berühmte Gerichtsprozesse zeichnen?

Es ist wie ein Nervenkitzel, wenn ich eine große Story in den Nachrichten sehe, fühle ich mich wie berufen, diesen Fall zu verfolgen, hautnah sozusagen. Und schon sitze ich mitten drin, verfolge den Fall und bringe ihn aufs Papier. Ich war schon immer ein News-Junkie und es ist noch mal extra spannend, wenn man diese berühmten Persönlichkeiten hautnah erlebt.

Sie haben so viele berühmte Prozesse dokumentiert: Roman Polanski, O.J. Simpson, Michael Jackson. Was sehen Sie in den Gesichtern dieser berühmten Angeklagten?

Manchmal sind sie emotionslos, wie der Amokläufer James Holmes in Colorado. Er bewegt sich einfach nicht. Und dann gibt es die etwas lebhafteren, wie Charles Manson. Und dann die Promis, die sehr kontrolliert vor Gericht erscheinen, ob als Zeuge oder Angeklagter.

Welche Prozesse sind für sie unvergesslich?

Der Charles Manson Prozess war einzigartig und mit neun Monaten der längste. Da war was los. Die Familien demonstrierten vor dem Gerichtsgebäude, es gab Mahnwachen, Auseinandersetzungen auf den Straßen. Und der andere war der Kindesmissbrauchs-Prozess von Michael Jackson. Da war viel internationale Presse vor Ort. Und so eine Weltikone vor Gericht, so hautnah mitzuerleben, unvergesslich! Und jeden Tag erschien er mit einem anderen Outfit. Und wir Gerichtszeichner freuten uns schon: ‘Was er wohl heute wieder trägt?’ Für uns ist so was toll, diese vielen verschiedenen Outfits zu dokumentieren. Spannend.

War es schwierig, Michael Jackson zu zeichnen?

Er war leicht, aber gleichzeitig schwierig. Denn bei einem Prominenten wie Michael Jackson steht man natürlich total unter Druck, da die Zeichnungen um die ganze Welt gingen und jeder in der Welt weiß, wie Jackson aussieht. Wenn du als Illustrator in so einem Moment daneben liegst, hast du vor einer Weltöffentlichkeit versagt. Diese petite Nase, die schweren Augenbrauen, das Haar war klasse, weil sich die Frisur nie änderte. Er hatte immer dieses dicke Haar, den Kopf voll damit. Was, wie ich gehört habe, eine Perücke war. Oder zumindest Haarteile. Manchmal lag ich bei Michael Jackson mit meinen Zeichnungen voll daneben und musste wieder von vorne anfangen. Es war eine echte Herausforderung. Aber hochinteressant und ich liebte das Motiv. Menschen, die weniger ausgeprägte Gesichtszüge haben, sind schwierig zu zeichnen. Je ordinärer, desto schwieriger. Wenn also Michael Jackson in den Gerichtssaal kommt, mit Lippenstift drauf, das war einfaches Zeichnen. Und es hat Spaß gemacht, weil er täglich ein neues Outfit trug. Diese Uniformen und dann der Schlafanzug! Unvergesslich.

Wie war denn die Reaktion der Fans?

Glücklicherweise waren die Fans begeistert. Also lag ich nicht ganz daneben. Ich habe meine Zeichnungen in die ganze Welt verkauft. Japan, Spanien, die Niederlande. Normalerweise kaufen Medien meine Zeichnungen, diesmal waren es auch viele Fans, die meine Bilder kauften. Da habe ich das beste Geschäft meines Lebens gemacht.

Und wie reagierte Michael Jackson, als er merkte, dass Sie ihn zeichnen?

Michael Jackson hat immer nach vorne geschaut, ich konnte keine wirklich günstige Einstellung finden. Doch nachdem ich ihm meine Zeichnungen zeigen musste, gab er mir ab dem Tag mehr Profil.

Also Michael Jackson hat für Sie im Gerichtsraum quasi posiert?

Ja, urplötzlich hatte ich eine tolle Sicht auf ihn, weil er sich etwas profiliger zu mir setzte. Aber kurz danach wurde er von Tag zu Tag starrer.

Wie war das genau, als Michael Jackson Sie traf?

Sein Anwalt Thomas Mesereau kam zu mir, und er sagte, Michael Jackson möchte mich treffen, weil er meine Zeichnungen im Fernsehen gesehen hat. Während einer Pause hat mich der Anwalt dann Michael Jackson vorgestellt. Und ich hatte alle meine Zeichnungen dabei und habe sie ihm gezeigt. Und er hat sich gefreut wie ein kleines Kind. Er fand sie toll. Er hatte diese sanfte Stimme und war sehr nett. Leider hat er nie eine meiner Zeichnungen gekauft. Er wollte einen Deal vorschlagen, die Zeichnungen gegen was anderes, aber so was geht immer schief und dazu kam es auch nicht mehr, weil er im Prozess so eingebunden war.

Nach all den Jahren im Gericht kennen Sie dann auch bestimmt die besten Anwälte des Landes und die härtesten Richter?

Das ist ein anderer spannender Aspekt. Ich kann diese Staranwälte alle ganz genau studieren und weiß genau wer herausragend ist und wer nicht. Ihre Strategien, ihre Herangehensweisen, ihr Verhalten zu verfolgen ist hochspannend. Die Richterin Yvette Palazuelos, vom Katherine-Jackson-Prozess, kam zu meiner Signierstunde, als mein Buch rauskam. Sie hat gleich zwei Exemplare gekauft (lacht).

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