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Frederick Lau ist „Sonne“ im Film „Victoria“.

Ein Film, der in nur einer einzigen Einstellung abgedreht wurde, also komplett ohne Schnitt – das ist ein Projekt, dass auch in Hollywood aufhorchen lässt. Regisseur Sebastian Schipper sorgte schon bei der Berlinale für Aufsehen mit seinem Film „Victoria“. Fünf Darsteller, nur zwölf Seiten Drehbuch und entstanden in einer Marathon-Drehnacht in Berlin, das macht den Streifen so außergewöhnlich. Am 15. Juni hatte der Film in Los Angeles Premiere, doch schon vorab war in der Filmhochburg ein regelrechter Hype um die deutsche Produktion zu spüren, wie es ihn seit „Run Lola Run“ nicht mehr gab. Fachblätter wie der Hollywood Reporter und Variety berichten über „Victoria“. Kult-Regisseur Quentin Tarantino ist bereits bekennender Fan des Films, auch Ben Affleck und Brad Pitt gaben den Daumen hoch für Schippers Werk. Hauptdarsteller Frederick Lau hat ebenfalls bleibenden Eindruck hinterlassen bei den US-Kritikern. „Er hat ein Hollywood-Gesicht“, sagt Kenneth Turan von der L.A. Times und glaubt, dass Lau durchaus Chancen hat, der neue Christoph Waltz zu werden in Hollywood.

Frederick Lau – der neue Christoph Waltz?

Nicht erst seit seinen Rollen in Produktionen wie „Die Welle“, „Oh Boy“ oder „Tatort“ zählt Frederick Lau zu den Top-Talenten der deutschen Film- und TV-Landschaft, dem gerne mal der Part des doch irgendwie ganz sympathischen Soziopathen von nebenan auf den Leib geschrieben wird. In Sebastian Schippers vielfach Award-nomiertem Echtzeit-Thriller „Victoria“ glänzt der 25-jährige Berliner als unfreiwilliger Kopf einer Bankräuberbande. neuH-Reporter Thomas Clausen traf Lau zum exklusiven Interview.

Als Kind warst du mit deiner Schülermannschaft Deutscher Meister im Hockey und zusätzlich Berliner Meister im Judo. Warum keine Sportkarriere?

Ich bin eigentlich aus Versehen zum Film gekommen. Mein Wunsch war niemals, Schauspieler zu werden. Ich bin da eher so reingeschlittert. Ehrlich gesagt, sehe ich mich auch gar nicht als Schauspieler. Ich schlüpfe einfach gerne in andere Rollen, zu einem Schauspieler macht mich das in meinen Augen trotzdem nicht. Der Begriff Schauspieler ist extrem dehnbar. Wenn man bei „GZSZ“ mitmacht, ist man ja auch Schauspieler. Es gibt gute Kollegen und nicht so gute Kollegen. Ich finde es schön, wenn eine Rolle funktioniert und ich mir selbst abnehme, diese Person zu sein. Es mag naiv klingen, aber mir macht es einfach Spaß.

Dein neuer Film „Victoria“ wurde ohne konkretes Drehbuch über Nacht an einem Stück gefilmt. Gibt es für einen Schauspieler noch eine größere Herausforderung, als so eine weitgehend improvisierte Rolle?

Es gibt viele verschiedene Herausforderungen. Aber natürlich ist es für einen Schauspieler extrem schön, so sehr freie Hand zu haben und zwei Stunden und zwanzig Minuten einfach in der Rolle bleiben zu können. Ich denke, es gibt viele Kollegen, die gerne mit dabei gewesen wären.

In „Victoria“ verkörperst du den Berliner Rumtreiber „Sonne“, der mit seinen Freunden nachts um die Häuser zieht und sich irgendwie durchschlägt. Wie viele eigene Jugenderfahrungen stecken in dieser Rolle?

Ich kenne viele Jungs, die so sind, wie „Sonne“. Ich selbst war allerdings nie so. Ich habe schon früh angefangen, Filme zu drehen und viel Sport gemacht. Ich war nie diese Art von Hänger, der auf den Straßen rumgegammelt hat.

Was hat dich mehr gereizt: Deine Rolle als abgefuckter Loser oder die Machart?

Eigentlich beides. Als ich mich mit den Machern traf und sie mir erzählten, dass sie einen One Take über einen Bankraub drehen wollen, habe ich mir gedacht: Das schaffen die niemals! Ich habe Sebastian Schipper aber vertraut. Irgendwann kristallisierte sich dann heraus, dass dieses Projekt mit einer enormen Anstrengung tatsächlich realisierbar wäre.

Die Machart hat ja eher etwas mit einem Kammerspiel oder einem Theaterstück gemein. Theaterrollen hast du bisher aber noch nicht angenommen.

Ich habe enormen Respekt vor Theaterschauspielern, aber ich würde es gerne einmal ausprobieren. Eigentlich bin ich kein Mensch, der gerne auf der Bühne vor hunderten von Menschen steht. Ich fühle mich in meiner Filmwelt wohler. Wenn ich drehe, nehme ich das Team rundherum gar nicht wahr, sondern sehe in dem Moment nur meine Schauspielkollegen.

Trotzdem es kein echtes Drehbuch gab, habt ihr sicher im Vorfeld besprochen, wie dein Charakter „Sonne“ sein sollte. Kannst du dich noch an die Regievorgaben erinnern?

Wir haben die Rolle zusammen erarbeitet und lange darüber gesprochen, was es für Jungs sind. Während der Proben und des Drehs wurde die Rolle dann noch weiter geschliffen und verfeinert. „Sonne“ hat von allen aus der Gruppe immer noch den besten Durchblick. Er ist auf eine Art der Kopf der Bande und am wenigsten verkorkst. Das Wichtigste ist immer, dass eine Figur authentisch rüber kommt; nur darum geht es mir.

Poster_VictoriaWie war der Feierabend nach einem solchen Mammutdreh?

Man denkt vorher, man ist froh und alle umarmen sich. Doch nachdem alles im Kasten war, haben wir alle nur still irgendwo mit einem Bier gesessen und kaum gesprochen. Alle waren absolut reizüberflutet. Nachdem man aus dieser langen Konzentrationsphase rausgefällt, fühlt man sich genauso, wie der Zuschauer, wenn er den Film gesehen hat. Man kann erstmal nicht darüber reden, sondern braucht eine gewisse Zeit, um das Geschehene zu verdauen. Die Premierenparty auf der Berlinale war die schlimmste Filmparty meines Lebens. Alle saßen nur völlig bedrückt herum und haben nichts mehr gesagt…

Du wirst in Filmen sehr gerne auf diese Underdog-Rollen festgelegt, die dir tatsächlich mehr zu liegen scheinen, als die des „normalen Jungen“. Woran liegt das?

Ich fände es langweilig und lame, immer nur normale Charaktere zu spielen. Es war nie meine Ambition, jemanden zu spielen, der nichts zu sagen hat. Wobei ich kürzlich bei „Traumfrauen“ auch einen super lieben Kerl gespielt habe. Ich finde unbequeme und markante Typen auch privat viel interessanter, als irgendwelche geleckten Styler.

Du sprichst im Film diese Art von typisch deutschem, gebrochenem Englisch, für das man sich manchmal richtig fremdschämen muss. Eine antrainierte Sache oder dein „echtes“ Englisch?

Nein, ich spreche schon ein wenig besser Englisch, als im Film. Ich fand es aber nicht unangenehm, so zu sprechen. Mir ist aufgefallen, dass ich es ganz gerne so mache. Ich habe einmal in Los Angeles gedreht. Ich habe gemerkt, dass ich mit dieser Art zu sprechen viel besser ankomme, weil alle denken, dass ich enorm weit weg wohnen müsste. Irgendwie ist es auch charmant.

Erhöht diese Art von gebrochenen Englisch bei Flirtversuchen die Chancen?

Das kann ich nicht beurteilen. Aber die Zuschauer können es nach Filmende ja selbst einmal probieren.

Der Film endet für jeden der Charaktere relativ unschön. Gibt es in deinem Privatleben bisher etwas zu bereuen?

Mein aktuelles Lieblingslied ist „I Wouldn`t Change A Thing“. Ein echt toller Song. Und meine Antwort auf diese Frage (lacht). Aber im Ernst: Manchmal führen gewisse Ereignisse zu anderen Ereignissen. Ich bin ein großer Freund von diesem natürlichen Fluss im Leben. Man sollte sich einfach öfter in Dinge hineinstürzen, von denen man im Vorfeld nicht weiß, wie sie enden. Offen sein für Neues, für Abenteuer. Das fördert eine emotionale Intelligenz. Aber um es ganz deutlich zu sagen: Ich bin sehr glücklich an dem Punkt im Leben, an dem ich momentan bin.

Gibt es eine Moral in „Victoria“?

Ich bin großer Fan von verkorksten Typen in denen im Film. Ich denke, dass jeder Mensch, erst Recht die, die am Rande der Gesellschaft leben, eine interessante Geschichte zu erzählen hat die wert ist, ihr zuzuhören. Fehler machen das ganze Dasein erst lebendig. Es gibt von Zeit zu Zeit Phasen, in denen wir manchmal nicht genau wissen, wo wir hingehören.

„Victoria“ läuft am 11.06.2015 in deutschen Kinos an.

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