Grimme-Preis, Goldene Kamera, Deutscher Schauspielerpreis – spätestens seit ihren Gastrollen in „Tatort“ zählt Emilia Schüle zu den aufregendsten Darstellerinnen innerhalb der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Momentan ist die hübsche 22-Jährige an der Seite von Tom Schilling als drogensüchtige Stripperin in Oskar Roehlers schriller Westberlin-Dramedy „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ zu erleben.

Kannst du dich an den Moment erinnern, in dem du die Rolle in „Tod den Hippies“ angenommen hast?

Natürlich. Ich hatte ein einziges Casting ohne Oskar Roehler. Danach rief mich irgendwann jemand an, dass er gerade im Büro wäre und ich vorbei kommen sollte. Dort habe ich dann die Zusage bekommen. Ich wollte diese Rolle unbedingt! Mit Oskar Roehler hätte ich absolut alles gedreht; dass es auch noch so eine tolle Rolle in so einer aufregenden Geschichte, und dann auch noch neben Tom Schilling geworden ist, war natürlich das absolute Sahnehäubchen.

Was hat dich besonders gereizt?

Ganz klar, mit Oscar Roehler zu arbeiten. Und die Tatsache, dass sie drogenabhängig ist. Andererseits hatte ich ein wenig Angst, dass ich vielleicht irgendwelche vulgären Szenen spielen müsste, da sie in einer Peepshow arbeitet. Doch das war glücklicherweise nicht der Fall. Ursprünglich sollte ich eine Szene spielen, in der sie oben ohne am Fenster tanzen sollte. Das war übrigens meine Casting-Szene.

Was wusstest du im Vorfeld über die Zeit Anfang der 80er, in der der Film spielt?

Nicht allzu viel. Ich wusste nur, dass David Bowie zu dieser Zeit in Berlin gelebt hat.

Eigentlich verkörperst du mit dem Heroin-süchtigen Punkmädchen Sanja ja eine tragische Rolle – hast du auch eine dunkle Seite?

Ich weiß nicht so genau. Ich bin jedenfalls gerne unterwegs, wenn es draußen dunkel ist (lacht)

Was war der schwierigste Part, während du dich auf die Rolle vorbereitet hast?

Ihren amerikanischen Akzent zu lernen. Das habe ich mir mit einem Coach hart erarbeiten müssen. Ich sage ja viel mehr, als im Drehbuch steht und bin quasi nur am Plappern. Mir war sehr wichtig, ihre amerikanische Art möglichst authentisch darzustellen. Außerdem habe ich sehr viel zu ihrer Heroinabhängigkeit recherchiert. Was einen Rausch ausmacht, was einen Entzug ausmacht und wie es ist, high zu sein.

Apropos Rausch: In dem Film geht es ja partymäßig ziemlich ab. Habt ihr auch nach Drehschluss ordentlich weitergefeiert?

Nein, alles war nach Feierabend sehr diszipliniert. Nachdem wir die Szenen im nachgebauten „Risiko“ abgedreht hatten, haben wir dort eine große Party gefeiert. Wir haben auf dem Tresen getanzt, laut Gitarre gespielt und Vodka-Gläser an die Wand geworfen.

Du warst Anfang der 80er, als der Film spielt, noch gar nicht geboren. Konnten dir deine Eltern helfen, das Lebensgefühl von damals besser zu verstehen?

Nein, sie haben damals in der Sowjetunion gelebt und waren keine Punks. Ich habe mich sehr viel mit Oskar über diese Epoche unterhalten, sehr viel gelesen und Dokus geschaut. Ich habe auch mit Leuten gesprochen, die damals in der Szene unterwegs waren. Allerdings eher im „Dschungel“ statt im „Risiko“, um das es im Film geht. Wenige kennen das „Risiko“, das Oskar dargestellt hat. Es soll aber eine echte Institution gewesen sein, soweit ich gehört habe.

Stehst du auch privat auf den Sound der 80er von Punk-Bands wie den Einstürzenden Neubauten, Nick Cave & The Bad Seeds oder Abwärts?

Eigentlich nicht. Ich bin ein großer David Bowie-Fan und fand die jüngste Ausstellung von ihm auch sehr spannend. Ich höre viel querbeet, alles außer Charts: Von den Kings Of Leon bis zu französischer Musik von Zaz. Hauptsache mit Herz und selbst gemacht.

Hättest du damals gerne gelebt?

Natürlich! Obwohl Berlin heute immer noch eine sehr besondere Stadt ist, was die Kultur, die Szene und das Nachtleben angeht, nur sehr viel kommerzieller als damals.

Du stammst aus dem ehemaligen Ostteil von Berlin. Was fasziniert dich heute an der Stadt?

Ich liebe Berlin über alles. Das merke ich besonders, wenn ich in anderen europäischen Großstädten unterwegs bin. In Berlin haben die Bars eigentlich immer geöffnet; in London oder Paris schließen sie schon sehr früh. Diese Stadt ist zu jeder Tageszeit lebendig. Außerdem sind die Preise viel niedriger. In Paris zahlt man für einen Longdrink 19 Euro, da gehe ich lieber in Berlin weg. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das erste Mal ohne meine Eltern durch Ostberlin gezogen bin. Mit 15 hat mir eine Freundin das Kulturzentrum Tacheles in der Oranienburger Straße gezeigt, das heute leider nicht mehr existiert. Das war der Moment, in dem ich kapiert habe, wie geil diese Stadt ist. Ich war einfach so fasziniert von diesem Ort und der Kunst, die dort geherrscht hat.

Was sind deine nächsten Pläne?

Ich habe gerade vier Kinofilme hintereinander gedreht und gönne mir ab demnächst erst einmal eine kleine Pause. Momentan lerne ich Gitarre und habe mir auch wieder ein E-Piano gekauft. Und ich mache endlich meinen Führerschein. Außerdem will ich noch mein eingerostetes Russisch in St. Petersburg auffrischen. Pläne abseits der Leinwand gibt es also genug.

Deine größte Sehnsucht?

Mit einem Koffer voller Bücher irgendwo hinfahren, wo es kein Internet und kein Telefon gibt. Das wäre ein Traum.

„Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ ist aktuell in deutschen Kinos zu sehen

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